Industrie 4.0 - 15. April 2019

Unterwegs zur Industrie

Bei der Ge­stal­tung der Ar­beits­welt der Zukunft sind alle Be­teilig­ten mit ein­zu­be­ziehen, nicht nur Politiker und Sozial­partner, sondern auch die Unter­neh­men und ihre Be­schäf­tig­ten. Eine sach­liche Debatte ist un­ab­ding­bar, damit das Projekt Arbeit 4.0 erfolgreich um­ge­setzt werden kann.

Seit jeher spiegelt die Arbeitswelt die ge­sell­schaft­lichen Strömungen, technologischen Um­wäl­zun­gen und kulturellen Normen wider. Um ein Zukunftsbild der Arbeitswelt zu skizzieren – was sich als viel­schich­ti­ge Herausforderung herausstellt – sind die Einfluss­faktoren auf Arbeit, Organisation und Unternehmen zu benennen und zumindest annäherungsweise deren zukünftige Aus­wir­kun­gen zu kennen. Gegenwärtig diskutierte Einfluss­fak­to­ren und Trends sind – so in einer Metaauswertung der Trend­for­schung des Instituts für angewandte Arbeits­wis­sen­schaft (ifaa) extrahiert – unter anderem die vernetzte und intelligente Digitalisierung, die Globalisierung, die ökologische Nachhaltigkeit. Kombiniert mit den unternehmerischen Erfolgsfaktoren prägen die Trends den Korridor, die Motivation und die Zielsetzung für die Arbeitsgestaltung der Zukunft. Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein Blick auf die wesentlichen Gestaltungsparadigmen.

Steigerung der Flexibilität

Die zukünftige Arbeitswelt basiert auf einer immer kraftvoller werdenden Flexibilisierung, Vernetzung und Individualisierung der Arbeit. Dimensionen der Flexibilisierung sind Arbeitsort, Arbeitszeit und Arbeitsstrukturen. Die Möglichkeiten der Vernetzung bieten Mitarbeitern und Führungskräften die Chance, zunehmend orts- und zeitunabhängiger zu arbeiten. Resultierend daraus entwickeln sich vielfältige Szenarien von mobilen und vernetzten Ar­beits­sys­temen. Langfristig wird das nicht nur Büro­ar­beits­plätze betreffen und neue Anforderungen an Führung und Zusammenarbeit stellen. Betriebliche Arbeits­or­ga­ni­sa­tionen müssen sich auf viel mehr Flexibilität einstellen. Das derzeit in unseren Köpfen vorherrschende Modell der Arbeits­or­ga­ni­sa­tion – eine Gruppe von Beschäftigten mit zugeteilten Arbeitsplätzen und starren Arbeitszeiten, geführt von einer Führungskraft – wird verdrängt von in­tel­li­gen­ten und agilen Organisationen. Flexibler Arbeits­ein­satz, unter­schied­liche Tätigkeiten und nicht mehr starre Arbeitszeiten verdrängen unflexible arbeits­or­ga­ni­sa­torische Modelle.

Vernetzte Digitalisierung

Durch eine vernetzte Digitalisierung, am Beispiel in der Vision Industrie 4.0 skizziert, entstehen zahlreiche Wege zur Neugestaltung von Arbeit und damit auch Potenziale für die Ergonomie sowie den Arbeits­schutz. Digitalisierung bedeutet, dass Informationen aller Art elektronisch gehandhabt und vernetzt werden. So entsteht ein leistungsfähiges In­for­ma­tions­ma­nage­ment. Das betrifft alle: sowohl Produktions- als auch Wissensarbeit. Assistenzsysteme (Datenbrillen, ­Tablets, Smart­watches), technische Unter­stüt­zungs­mög­lich­keiten (Mensch-Roboter-Kollaborationen, Exoskelette) sowie weitere Auto­ma­ti­sie­rungs­me­cha­nis­men werden die Arbeit der Zukunft prägen. Sie ermöglichen beispielsweise, Arbeitspläne und -anweisungen situationsspezifisch je nach Arbeitsfortschritt, Produkt­kon­fi­gu­ra­tion und Vorerfahrungen der Beschäftigten aufzubereiten.
Für die Darstellung können im Arbeitsbereich nicht nur Bildschirme, sondern auch Daten­brillen und Projektionen genutzt werden.

Erhalt der Leistungsfähigkeit

Die Bedürfnisse, auf den demografischen Wandel zu reagieren, also Nachwuchskräfte zu gewinnen und die Leistungsfähigkeit einer alternden Belegschaft zu gewährleisten, drängen immer weiter in den Vorder­grund. Das geht einher mit einem gesellschaftlichen Werte­wandel, der die Mitarbeiter­orientierung beeinflusst. Verändern werden sich auch die quali­ta­ti­ven und quantitativen Anforderungen an Per­so­nal­ent­wick­lung und Qualifikation der Beschäftigten. Lebenslanges Lernen aller Beschäftigtengruppen wird immer wichtiger.
Bisherige Konzepte, etwa das Lernen in kon­ti­nuier­lichen Verbesserungsprozessen (KVP) reichen dazu nicht aus. Notwendig sind wirtschaftlich produktive Arbeits- und Unter­neh­mens­systeme, die die psychische und physische Leistungsfähigkeit sowie die Gesundheit der Beschäftigten fördern.

Industrie 4.0 – wie weit sind wir?

Industrie 4.0 bietet immense Gestaltungschancen für Unternehmen, Beschäftigte, Sozialpartner und Politik. Die Nutzung dieser Chancen zum Wohl aller Beteiligten geht mit ebenso großen Erwartungen wie Unsicherheiten einher. Daraus entsteht ein großer Informationsbedarf, den die Studien des ifaa bestätigen. So ist der Begriff Industrie 4.0 in den befragten Unternehmen zwar sehr bekannt, ein klares Verständnis fehlt aber häufig. Die Aktivitäten im Hinblick auf Industrie 4.0 und die Digitalisierung der industriellen Arbeitswelt sind unterschiedlich ausgeprägt und in größeren Unternehmen meist weiter fortgeschritten als in kleineren. Für die mittelständisch geprägte deutsche Wirtschaft bedeutet dies, dass gerade kleinere Unternehmen Bedarf nach Unterstützung haben. Dazu sind – im Gegensatz zu den häufig abstrakten Definitionen von Industrie 4.0 – konkrete Anwendungsbeispiele erforderlich, die es erlauben, wirtschaftliche und praktische Auswirkungen auf das eigene Unter­neh­men zu übertragen, um sie in dessen stra­te­gische Weiter­ent­wick­lung einfließen zu lassen.

Mobile Arbeit auf dem Vormarsch

Mobile Arbeit steigert die Zufriedenheit der Mitarbeiter sowie die Attraktivität des Unternehmens.

Durch die zunehmende Digitalisierung befindet sich die ­Arbeit im Wandel. Mobiles Arbeiten gewinnt für bestimmte Berufsgruppen und Tätigkeiten an Bedeutung und verdrängt den klas­si­schen Büro­ar­beits­platz sowie die Bedeutung der Präsenzkultur. Als mobile Arbeit wird eine Beschäftigungsform be­zeich­net, in der die Mitarbeiter ihre Arbeit an beliebigen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten erledigen können und dafür keinen festen Arbeits­platz im Unter­neh­men benötigen. Dieser kann beim Kunden, auf Dienstreisen im Hotel oder in der Bahn sowie zu Hause liegen. Dadurch unterscheidet sich die mobile Arbeit von der Telearbeit (Homeoffice), die größ­ten­teils ortsgebunden erfolgt. Mobile Arbeit steigert die Zufriedenheit der Mitarbeiter sowie die Attraktivität des Unternehmens. Zeitliche und räumliche Di­men­sio­nen eröffnen Unternehmen und Beschäftigten neue Wege, Beruf und Privatleben erfolgreich miteinander zu vereinbaren, die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten zu erhöhen, qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen und diese langfristig an das Unter­neh­men zu binden.
Die Einführung von flexibler und mobiler Arbeit erfordert ­jedoch eine bedarfsgerechte und maßgeschneiderte Arbeitsorganisation sowie betriebsindividuelle Regelungen. Dabei geht es in erster Linie um die Festlegung von betrieblichen Rahmenbedingungen, die für eine erfolgreiche Einführung und Gestaltung mobiler Arbeit wichtig sind. Für die Unternehmen bedeutet das konkret:

  • mit arbeitsbezogener Erreichbarkeit offen umzugehen
  • transparente und verbindliche Regeln zu schaffen
  • Erwartungen an Führungskräfte und Beschäftigten klar zu formulieren
  • Beschäftigte zu unterstützen und zu qualifizieren
  • Eigenverantwortung der Beschäftigten zu fördern sowie
  • der Fürsorgepflicht nachzukommen

Veränderte Unternehmenskultur

Die Digitalisierung verändert Arbeitsinhalte, -prozesse und -umgebungen. Zweifelsfrei setzt die erfolgreiche Implementierung neuer Arbeitswelten eine entsprechende Unter­neh­mens­kultur voraus. Der Mensch ist das höchste Gut des Unternehmens. Dieser Satz ist nicht neu, in der Arbeitswelt der Zukunft wird seine Bedeutung jedoch zunehmen. Dieses Vermögen wird nachhaltig eingesetzt, entwickelt und wertgeschätzt.
Der demografische Wandel sowie der technische Fortschritt werden diese Entwicklung unter­stützen und zu einer human­orientierten und effizienten Arbeitswelt beitragen. Die tech­nischen Möglich­keiten tragen zudem dazu bei, dass Erwerbsarbeit stärker in­di­vi­dua­li­siert und an persönliche Rahmen­be­din­gu­ngen angepasst werden kann.

Chancen und Risiken

Die Arbeitswelt der Zukunft wird für den Menschen also geprägt sein von zu­neh­men­der In­di­vi­dua­li­sie­rung – sowohl der Produkte und Dienstleistungen als auch der Arbeit und ihrer Bedingungen. Für die Beschäftigten bedeutet die Digitalisierung mehr Flexibilität, an­spruchs­vollere Tätigkeiten, eine an die eigenen Ansprüche angepasste In­for­ma­tions­bereit­stel­lung und die Er­leich­te­rung bei monotonen Routinetätigkeiten. Neben einer erhöhten In­for­ma­tions­ver­füg­bar­keit ver­bes­sert die Digitalisierung die Ab­stim­mungs- und Kom­mu­ni­ka­tions­prozesse im Unternehmen. Kurzum: Die Digitalisierung bietet viele überzeugende Chancen. Bei all dem Optimismus können wir es mit der Digitalisierung aber auch übertreiben. Keinesfalls dürfen wir die Arbeit in der digitalen Zukunft so gestalten, dass wir – die Menschen – nur noch Anhängsel von digitalen und intelligenten Systemen und Maschinen sind. Insoweit ist eine moralisch und ethische Grundsatzdebatte geboten, die einerseits die zahlreichen Vorteile der Digitalisierung, andererseits aber auch arbeits­schutz­re­le­vante Aspekte berück­sichtigt.

Fazit und Ausblick

Wie sich die Beschäftigungsformen und Arbeits­tä­tig­keiten im Detail verändern werden und welche Rolle der Mensch als ­Akteur in der Arbeitswelt der Zukunft dann tatsächlich spielen wird, kann derzeit noch nicht eindeutig festgemacht werden. Dazu scheint die zukünftige betriebliche Umsetzung der Industrie 4.0 sowie der künstlichen Intelligenz noch zu vage. Nach überwiegender Meinung von Unternehmensexperten und Wissenschaftlern wird der Mensch aber in der Industrie 4.0 auch weiterhin steuernde, durch­füh­rende und über­wa­chen­de Tätigkeiten vornehmen – eine vollkommen menschenleere Fabrik erwarten nur wenige Experten. Denn die Zahl der Arbeit­nehmer in Deutschland steigt derzeit trotz zunehmender Digitalisierung weiter kontinuierlich.

Fotos: Aerial3, aurielaki; Ara Hovhannisyan; MicrovOne; VeYe / Getty Images

Zum Autor

SS
Prof. Dr. Sascha Stowasser

Deutscher Arbeitswissenschaftler und Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa) in Düsseldorf

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