Perspektiven |

Eine zukunftsfähige Satzung für die Genossenschaft

Satzungsänderung

1Kommentare

Am 19. Februar hat eine außerordentliche Vertreter­ver­samm­lung der DATEV eG über die Änderung der Satzung abge­stimmt. Der Antrag verfehlte mit rund 74 Prozent denkbar knapp die nötige Dreiviertel­mehrheit. Das Ergebnis verstehen wir als klaren Auftrag, am Thema weiterzuarbeiten.

Über die Herausforderungen der digitalen Transformation haben Sie hier im DATEV magazin und an anderer Stelle schon viel gelesen. Genau diese Herausforderungen haben meine Vorstands­kollegen und mich auch bewegt, lange bevor klar wurde, dass eine Satzungsänderung ein wichtiger Baustein für die Gestaltung der Zukunft unserer Genossenschaft werden würde.
Am Anfang stand eine Erkenntnis, die heute wohl niemand mehr infrage stellt: Wir befinden uns in einem Zeitalter der Plattformökonomie. Das bedeutet, dass die Anbieter digitaler Portale in allen Bereichen der Wirtschaft wichtiger werden. Sie schieben sich als Makler in die klassische Bezie­hung zwischen Kunde und Dienstleister, degradieren den Dienstleister zum reinen Produzenten ohne Kontakt zum Kunden und drängen ihn somit in den Hintergrund. Die Hotel- und Taxibranche hat bereits erleben müssen, wie dra­ma­tisch Plattformen in ihr Gewerbe eingreifen. Auch im Geschäftsfeld der steuer­lichen Berater tauchen mit JustAnswer, Ageras oder yourXpert Portal­anbieter am Markt auf. Immer mehr Mitbewerber drängen im Bereich Einkommensteuererklärung auf den Markt. Banken bieten bereits erste Angebote zur Belegablage und sogar zu einer ein­fachen Steuerdeklaration an. Mit Amazon tritt zudem ein sehr mächtiger Player in Erscheinung, der für E-Commerce-Unternehmen die monatliche Erstellung ihrer Umsatz­steuer­erklär­ung möglich macht.

Die Plattformökonomie als Chance

Als Vorsitzender des Vorstands sehe ich es als wichtigste Aufgabe an, mit unserer Ge­nos­sen­schaft die Zukunftsfähigkeit der Mitglieder zu sichern. Dazu gehört, Markt­en­twick­lungen zu beobachten, zu analysieren und hinsichtlich Chancen und Risiken für Sie, unsere Mitglieder, zu bewerten. Die Stärke der Genossenschaft besteht dabei seit ihrer Gründung darin, dass wir gemeinsam Heraus­forderungen meistern können, die den Einzelnen überfordern würden. Gerade weil wir gemeinsam diese Stärke haben, müssen wir die Plattformökonomie nicht als Bedrohung hinnehmen, sondern können sie uns als Chance zu­nutze machen.
Dies führte zur Plattformstrategie der DATEV, die wir in den letzten Monaten entwickelt haben: Statt zuzusehen, wie sich Dritte mit einer Plattform zwischen Steuerberater und ihre Mandanten schieben und damit die Berater in den Hintergrund drängen, möchte DATEV selbst Plattformen bauen und gestalten, die im Sinne der Genossenschaft den Mitgliedern neue Chancen und Ziel­gruppen erschließen und sie mithin zu Profiteuren von digitaler Transformation und Platt­form­ökonomie machen.

Vom Steuerbürger zum Mandanten

Basierend auf dieser Strategie haben wir mit dem sogenannten Steuerbürgerszenario eine erste konkrete Lösung konzipiert: Rund 13 Millionen steuerpflichtige Privatpersonen erstellen ihre Steuererklärung bisher selbst. Über eine neue DATEV-Plattform soll diesen Personen eine einfache Möglichkeit zur digitalen Deklaration gegeben werden – ver­bun­den mit dem Angebot, bei kom­plexeren Fragen Kontakt zu einem DATEV-Mitglied auf­zunehmen und sich beraten zu lassen. So wird aus dem Risiko eine Chance: Statt Sie als Berater zu verdrängen, wie andere Plattformen das womöglich machen würden, rücken wir Sie in den Mittelpunkt aller Überlegungen und bauen die Plattform so, dass Sie durch die Anbahnung neuer Mandatsverhältnisse profitieren.
Gelegentlich lese ich in Diskussionen zum Thema, diese Privatpersonen seien als Man­dan­ten nicht interessant. Das mag für diese Veranlagung stimmen, gegebenenfalls aber nicht mehr für dieselbe Person in ein paar Jahren. Vergessen Sie bitte nicht, dass wir über die Zukunft reden und in Zeiten leben, in denen etablierte Geschäftsmodelle viel schnel­ler in Gefahr geraten, als man sich das aus einer Position wirtschaftlicher Stärke heraus vorstellen kann. Und wir leben in Zeiten, in denen sich unsere Kunden verändern: Ganze Generationen junger Menschen sind es inzwischen gewohnt, zuerst bei einer Such­ma­schine nach Rat zu suchen, selbst wenn es um so sensible Themen wie Gesundheit und Medizin geht. Die Plattformökonomie macht sich genau diese Entwicklung zu­nutze: Sie holt die Interessenten dort ab, wo sie sich täglich aufhalten: im Internet. Einen Steuer­berater anzurufen oder gar aufzusuchen – auf diese Idee werden plattformkonditionierte Internet­nutzer auch dann nicht mehr kommen, wenn Sie zu spannenden potenziellen Mandanten gereift sind, etwa da sich ihre Vermögens- oder Einkommensverhältnisse geändert haben.

Notwendigkeit einer Satzungsänderung

Ausgehend von diesen Überlegungen führte uns der Weg zur außerordentlichen Ver­treter­ver­samm­lung, von der ich oben geschrieben habe. Denn bei unseren Strategie­über­legungen wurde schnell deutlich, dass unsere Satzung aus Zeiten stammt, in denen es noch keine digitale Trans­forma­tion und Platt­form­ökon­omie gab. Eine zentrale genossen­schaft­liche Plattform aufzubauen und über Suchmaschinen gut auffindbar zu machen, die Privatpersonen bei der Erledigung ihrer einfachen Steuerfälle unterstützt, die also potenzielle Mandanten an die Genossenschaft bindet und den DATEV-Mitgliedern zuführt – das ist mit unserer heutigen Satzung nicht möglich.
Als Konsequenz erarbeitete eine Satzungskommission, die sich aus Mitgliedern aller DATEV-Gre­mi­en zusammensetzte, einen Änderungsvorschlag, der die Erweiterung des Geschäftsbetriebs der Genossenschaft mit sonstigen Nichtmitgliedern vorsah. Flankiert wurde der Vorschlag von zu­sätz­lichen Berichtspflichten des Vorstands an den Auf­sichts­rat, von einer Zustimmungspflicht durch den Aufsichtsrat und von einer frei­wil­ligen Selbstverpflichtung des Vorstands, die unter anderem garantierte, dass es keinen funktionalen Vorsprung im Nichtmitgliedergeschäft gegen­über dem Mit­glie­der­geschäft geben wird. Der Vorstand hat sich diesen Vorschlag zu eigen gemacht und einen Antrag auf Satzungsänderung gestellt.

Zukunft gestalten nach der Vertreterversammlung

Auch wenn der Antrag denkbar knapp gescheitert ist, hat die Abstimmung dennoch gezeigt, dass die große Mehrheit in der Vertreterversammlung den vom Vorstand eingeschlagenen Weg gut­heißt und mitzugehen bereit ist. Die Bemühungen um die Zukunftsfähigkeit unserer Ge­nos­sen­schaft in Zeiten der digitalen Transformation einfach einzustellen, wäre fahrlässig und würde den Wunsch der Mehrheit der Vertreter ignorieren. Daher verstehe ich das Ergebnis der Abstimmung als klaren Auftrag, am Thema weiterzuarbeiten, die vorgebrachten Bedenken sehr ernst zu neh­men, die Argumente zu schärfen und weiter für die angestrebte Satzungsänderung zu werben, sodass sie vielleicht schon in der kommenden ordentlichen Vertreterversammlung Ende Juni erneut zur Abstimmung gebracht werden kann. Nach intensiven Gesprächen mit dem Aufsichtsrat und den Vorsitzenden des Vertreterrats sehe ich das nicht nur als Möglichkeit, sondern als Auf­gabe an. Und auch die intensiven Diskussionen auf den Regional-Info-Tagen bestärken mich darin: Unsere Mitglieder sind höchst interessiert am Thema! Dabei habe ich viel positives Feed­back für unsere Platt­form­strate­gie bekommen – und einen starken Rückenwind wahrgenommen, auch das Thema Satzungs­änderung weiterzuverfolgen. In den kommenden Wochen und Monaten liegt daher weiterhin viel Arbeit vor uns. Vor allem möchten wir Sie als Mitglied ausführlicher in­for­mie­ren: in unseren Online-Medien, hier im DATEV magazin und im persönlichen Austausch auf unseren Veranstaltungen.

Die Zukunft – das unentdeckte Land

Am Ende des Tages kann keiner von uns sicher sein, wie der nächste Tag und der darauffolgende aussehen werden. Die Zukunft ist ein unentdecktes Land, und wir sind auf dem Weg dorthin, ohne genau zu wissen, was uns dort erwartet. Wir können uns nur so gut und so rechtzeitig wie möglich auf die Reise vorbereiten. Dabei bitte ich Sie herz­lich um Ihr Vertrauen! DATEV hat in den über 50 erfolgreichen Jahren ihres Bestehens niemals das Vertrauen der Mitglieder missbraucht und wird das auch in Zukunft nicht tun. Der Vorstand will vielmehr gemeinsam mit Ihnen diese Erfolgs­ge­schich­te fort­schrei­ben.

 

1Kommentare Neuen Kommentar verfassen
M. Mergner schrieb am 2018-04-04 19:29:15

Eine Satzungsänderung bedarf nicht ohne Grund über 75% der Stimmen aller Vertreter. Hier stellt sich aber die Frage, warum die DATEV bei dieser elementaren Entscheidung nicht den Mut aufbringt, eine Umfrage unter den Genossen zu initiieren, damit den Vertretern ein besserer Einblick darüber geboten wird, was die Mitglieder an der Basis tatsächlich wollen. Die Idee, Kunden zu gewinnen, bevor sie potentiell interessante Kunden werden, klingt vordergründig schlüssig. Aber wie viele dieser neu umworbenen Kunden werden wohl für immer lediglich Kunden der DATEV bleiben und niemals einen Fuß in eine Steuerkanzlei setzen?! Ist es hier erstaunlich, dass viele Steuerberater daher das Steuerbürgerszenario als Mittelverschwendung genossenschaftlicher Gelder strikt ablehnen. Wie die Vertreterversammlung bewiesen hat, sind nämlich doch nicht alle Vertreter und schon gar nicht alle Steuerberater mit den Plänen der DATEV-Führung einverstanden. Die Vorgehensweise über einen abgelehnten Antrag ein zweites Mal abstimmen zulassen, weil man beim ersten Anlauf die erforderlichen 75% verfehlt hat, entbehrt jeglichem Respekt für Demokratie. Eine Entscheidung, egal wie knapp sie auch ausgefallen sein mag, sollte vom Unterlegenen akzeptiert und nicht durch neue Abstimmungen in Frage gestellt werden.

Einen neuen Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.