Positive Psychologie - 28. Mai 2020

Resilient durchs Berufsleben

Verantwortung zu übernehmen, sei es im Job, in der Familie oder im Ehrenamt, kann beflügeln. Neue Aufgaben geben uns die Chance, etwas zu gestalten, zu lernen und unseren Selbstwert zu stärken. Eine Überdosis Verantwortung bewirkt jedoch das Gegenteil: Sie überfordert, engt ein und macht uns im schlimmsten Fall krank. Doch wann genau wird aus viel zu viel?

Mirjam Rolfe ist Beraterin, Mediatorin und Coach. Sie unterstützt Menschen und Unternehmen bei der Neuorientierung, Stressresistenz oder der Organisationsentwicklung. Sie weiß, wie Mitarbeiter, Teams und Führungskräfte auch in Veränderungsphasen und unter Stress ihre innere Kraft stärken, lebendig und engagiert bleiben können – und was Chefs und Unternehmen dazu beitragen können. Dabei kombiniert sie Veränderungsmanagement, Konfliktklärung und Kommunikation mit ­wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Positiven Psychologie, der Resilienzforschung und Systemik.

DATEV magazin: Frau Rolfe, in vielen Wirtschaftsmagazinen wird Managern empfohlen, ihren Mitarbeitern Verantwortung zu übertragen, um sie zu motivieren. Kann man das so pauschalisieren?

MIRJAM ROLFE: Verantwortung motiviert, wenn sie positiv wahrgenommen wird. Dafür müssen die Bedingungen am Arbeitsplatz stimmen – und Arbeitsanforderungen und Arbeitsressourcen sollten sich die Waage halten. Verantwortung zu übernehmen, ist eine Arbeitsanforderung, die es mit entsprechenden Ressourcen abzufedern gilt; das sind beispielsweise Autonomie, Feedback oder ein gutes Verhältnis zum Chef und den Kollegen. Habe ich Verantwortung, muss ich also auch den Freiraum haben, Entscheidungen selbstständig zu treffen, oder Feedback von meiner Führungskraft einfordern können. In dieser Kombination entsteht Motivation. Wenn ich nur auf dem Papier verantwortlich bin, beispielsweise als Projektleitung, der Chef sich aber entgegen den Abmachungen immer wieder einmischt, habe ich keinen wirklichen Einfluss auf das Ergebnis. Das baut Belastung auf. Und natürlich gilt es, bei der Übertragung von Verantwortung auch die individuellen Voraussetzungen eines Menschen zu berücksichtigen.

Welche sind das denn?

Jeder Mensch hat Fertigkeiten, Fähigkeiten und einen Erfahrungsschatz, den er im Laufe seines Lebens gemacht hat. Sind das gute Erfahrungen, zum Beispiel hinsichtlich Verantwortungsübernahme, ist meine Tendenz größer, wieder Verantwortung übernehmen zu wollen, als wenn ich jedes Mal, wenn etwas schieflief, eins auf die Mütze bekommen habe. Darüber hinaus sind natürlich auch physische und psychische Voraussetzungen relevant. Bin ich gesund, in welcher Lebensphase befinde ich mich gerade, wie sehr vertraue ich in meine eigenen Fähigkeiten, wie motiviert bin ich von Natur aus und welche Bewältigungsstrategien habe ich, wenn es hart auf hart kommt.

Es geht also in erster Linie darum, psychische Belastung zu reduzieren?

Nicht unbedingt. Denn psychische Belastung durch Arbeit ist an und für sich nichts Schlechtes. Der Mensch braucht sie bis zu einem gewissen Grad, um aus seiner Komfort- in die Lernzone zu kommen. Belastung ist der Motor für menschliche Entwicklung. Stellen Sie sich eine Waage vor: rechts die psychische Belastung durch Arbeit, links die individuellen Voraussetzungen des Menschen. Kippt die Waage ein bisschen nach rechts, haben wir die günstigsten Voraussetzungen. Ein starker Ausschlag nach rechts über längere Zeit kann zu Burn-out, einer nach links zu Bore-out führen. Im Dreizonenmodell entspricht die Überbeanspruchung der Panikzone. Kurzfristige Folgen sind ermüdungsähnliche Zustände, durch die Betroffene beispielsweise mehr Flüchtigkeitsfehler machen. Stress und Erschöpfung führen langfristig zu psychosomatischen Störungen und Erkrankungen wie Verdauungsproblemen, Herzbeschwerden, Kopfschmerzen bis hin zu Burn-out. Damit einher gehen Fehlzeiten, Stellenwechsel und Frühverrentung.

Aber so weit wollen wir es gar nicht erst kommen lassen. Was kann ich denn präventiv tun?

Ich empfehle, frühzeitig und konsequent an der eigenen Resilienz – der inneren Widerstandskraft – zu arbeiten. Jeder Mensch kann seine Resilienzfaktoren stärken. Das sind Optimismus, Akzeptanz, Lösungsorientierung, aber auch die Netzwerkorientierung im Sinne von sozialer Unterstützung und der Glaube an die eigene Selbstwirksamkeit. Das heißt, man ist überzeugt, sein Leben selbst gestalten zu können und Dinge aus eigenen Kräften zum Besseren zu verändern. Resiliente Menschen interpretieren Herausforderungen, beispielsweise mehr Verantwortung, positiver. Sie probieren neue Lösungsstrategien aus und sind hartnäckiger beim Lösen von Problemen, sie nehmen keine Opferhaltung ein – sie sitzen sozusagen im Fahrersitz des Lebens und wollen mitgestalten.

Damit verbunden ist eine mögliche motivationsfördernde Maßnahme am Arbeitsplatz: das Job Crafting, ein Konzept aus der positiven Organisationspsychologie. Die Mitarbeiter werden dabei unterstützt, ihren Funktionsbereich innerhalb ihrer Gestaltungsmöglichkeiten selbst zu verbessern, etwa im Aufgabenbereich, in der Zusammenarbeit mit Kollegen, aber auch in der Wahrnehmung der Arbeit. Bekomme ich eine neue Aufgabe, kann ich dies als Belastung sehen, ich kann aber auch stolz sein, weil mein Chef mich für kompetent hält und mir diese neue Herausforderung zutraut.

Neben aller Persönlichkeitsarbeit dürfen also die Arbeitsbedingungen, Arbeitsanforderungen und -ressourcen nicht vergessen werden, von denen wir zu Beginn gesprochen haben. Diese müssen im Einklang sein, damit Verantwortung positiv konnotiert wird und sie Menschen motiviert. 

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Zur Autorin

Julia Wieland

Redaktion DATEV magazin

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