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Mehr Schein als Sein

Denkende Maschinen

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Schon seit der Antike fragten sich Gelehrte und ­Wis­sen­schaftler, ob die künst­liche Er­zeugung von ­In­tel­li­genz möglich sei. 1770 über­raschte ein me­cha­nischer Auto­mat die euro­päische Öf­fent­lich­keit, der genau diesen Anschein erweckte.

Napoleon war perplex. Er, Kaiser, Stratege, Feldherr und passionierter Schachspieler, war im Spiel der Könige besiegt worden. Und nicht nur das: Sein Gegenüber hatte es sich herausgenommen, seine Züge zu verbessern. Doch die Krönung war, als der Gegenspieler mit einer schwungvollen Armbewegung die Figuren vom Brett wischte und die Partie beendete. Kein Mensch konnte sich dies erlauben – eine Maschine hingegen schon.
Der Schachtürke, wie die Maschine aufgrund ihrer orientalischen Aufmachung genannt wurde, machte damals bereits seit annähernd 40 Jahren von sich reden. Sein Schöpfer Wolfgang von Kempelen, eigentlich öster­rei­chischer Staatsbeamter, stellte die Konstruktion 1770 dem begeisterten Wiener Hof vor. Im We­sent­lichen bestand der Apparat aus einem großen ­tischartigen Holzkasten mit Schachbrett und einer lebensgroßen Figur, die in prunkvolle osmanische Gewänder gehüllt war und hinter dem Tisch saß. Dem Publikum wurde (angeblich) das Innenleben der Maschine vorgeführt, danach ein Freiwilliger aus dem Publikum als Spielpartner ausgewählt. Kempelen zog das Federwerk auf und die Partie begann. Bis 1785 reiste er mit dem Schachtürken durch Europa. Nach dem Tod Kempelens, dem der Erfolg zeitlebens eher unangenehm war, erwarb 1804 der Mechaniker Johann Nepomuk Mälzel die Maschine und brach erneut zu einer Tournee auf.
Nicht erst seit der Partie gegen den Kaiser der Franzosen im Jahr 1809 fragten sich Wissenschaftler, Literaten und Schaulustige, ob es Kempelen tatsächlich gelungen war, eine Maschine mit künstlicher Intelligenz zu konstruieren.
Die Idee, einen mit Intelligenz begabten künstlichen Menschen zu erschaffen, lässt sich bereits in der Spätantike nachweisen. Der Bau von Automaten ging ebenfalls auf antike und mittelalterliche Vorläufer zurück. Insbesondere das Uhrmacherhandwerk war nach der Erfindung des aufziehbaren Federwerks im 15. Jahrhundert Ausgangspunkt für Weiterentwicklungen. Im 17. und 18. Jahrhundert kamen dann literarisch-philosophische Ideen zu einem im Grunde auf den Gesetzen immerwährender und gleichlaufender Mechanik beruhenden Weltbild in Mode.
Bekanntestes Beispiel für einen frühen Automaten ist die mechanische Ente von Jacques de Vaucanson. Gefertigt 1738 bestand sie aus über 1 000 Einzelteilen. Sie beeindruckte die Zeitgenossen durch die Präzision ihrer Mechanik. So konnte die Ente nicht nur schnattern, watscheln und mit den Flügeln schlagen, sondern war auch in der Lage, zu fressen, (scheinbar) zu verdauen und das Gefressene wieder auszuscheiden, sodass sie, versehen mit einem Federkleid, sehr häufig für ein echtes Tier gehalten wurde.
Kempelens Schachtürke war trotz aller technischer Raffinesse kein früher Schachcomputer, noch weniger, wie staunende Zeitgenossen vermutet hatten, ein mit künstlicher Intelligenz ausgestatteter Android. Tatsächlich wurde der sogenannte ­Türke von einem in dem Tischkasten befindlichen Schachspieler bewegt, der durch die geschickte Anordnung von Türen, mechanischer Staffage und verschiebbaren Trennwänden im Inneren verborgen blieb. Die vermeintliche künstliche Intelligenz des Schachtürken war also immer vom Können der jeweiligen menschlichen Spieler abhängig, die über die ­Jahrzehnte mehrfach wechselten und nicht alle namentlich bekannt sind. So sollen beispielsweise ­Kempelens Kinder gespielt haben. Diese Annahme mag der Vermutung geschuldet sein, dass nur Kinder oder Zwerge im Inneren der Maschine Platz gehabt hätten. Tatsächlich reichte der Raum auch für einen normal großen Menschen. Ein nachgewiesener Spieler war der Wiener Schachmeister Johann Allgaier. Er soll es auch gewesen sein, der gegen Napoleon die Figuren führte.
Besonders die geschickte Präsentation des Schachtürken – eine Mischung aus wissenschaftlicher Vorführung und unterhaltender Zauber-Show – erreichte ein breites Publikum und hatte Einfluss auf Forscher, Techniker und Literaten: Charles Babbage, der ihn in London sah, wurde durch diesen von der Möglichkeit der Ma­schinen­in­tel­li­genz überzeugt, was ihm zur Erfindung eines frühen Vorgängers des modernen Digitalrechners inspirierte. In den USA erlebte Edgar Allan Poe eine Vorführung. Er veröffentlichte einen Essay, in dem er eine genaue Beschreibung der Vorführung gab und seine Gedanken zur Funktion präsentierte. Seine deduktiven Schlüsse, die der Wahrheit tatsächlich sehr nahekamen, und die sprachliche Gestaltung des Essays gelten als Aus­gangs­punkt für Poes spätere Erzähltechnik.
Dem Schachtürken selbst war ein eher unrühmliches Ende beschert. Nachdem das Geheimnis ab 1840 einer immer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden war, erlahmte das Interesse an der Kuriosität spürbar. Der Schachroboter landete in einem Museum in Philadelphia, wo er 1854 einem Feuer zum Opfer fiel. Bei den heute in einigen Museen zu bestaunenden Exemplaren handelt es sich um spätere Nachbauten. Die Idee einer schachspielenden KI wurde indessen weiter entwickelt und perfektioniert. Im Dezember 2017 gelang es dem Computerprogramm AlphaZero sogar, sich das Schachspiel selbst beizubringen.
Für die Zeitgenossen des originalen Schachtürkens waren dabei weniger die tatsächlichen Fähigkeiten der Figur das Faszinierendste. Es war der Anschein der künstlichen Intelligenz und der menschlichen Verhaltensweisen, der die Zuschauer fesselte. So wollte Napoleon in der eingangs beschriebenen Episode sein mechanisches Gegenüber testen und provozierte ihn immer wieder mit Fehlzügen – bis zum bekannten Resultat. Napoleon, zunächst sehr überrascht, nahm es sportlich und zeigte sich am Ende amüsiert.

Foto: Print Collector / Getty Images

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