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Personaldienstleister als Frühindikator

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Spontaner Arbeitsanfall, unternehmerisches Know-how und branchenspezifische Hintergründe – das und noch viel mehr brauchen Steuerberater, die sich auf Zeitarbeitsfirmen spezialisieren. Ein Interview mit zwei Experten.

Personaldienstleister sind aus der heutigen global­isierten Wirt­schaft nicht mehr weg­zu­denken. Bereits 1922 beginnt die Geschichte der deutschen Zeit­arbeit. Im damaligen Arbeits­nachweis­gesetz ist das ent­gelt­liche Ver­mitteln von Arbeits­kräften ge­regelt. Über die Jahre hat sich die Branche sehr ver­ändert, von der Ein­führung des Arbeit­nehmer­über­lassungs­gesetzes im Jahre 1972 bis hin zur Ein­führung von Equal Pay im ver­gangenen Jahr. Auch die zu­künftige Ent­wicklung dieses Wirt­schafts­zweiges wird von ge­setz­lichen Änderungen ge­prägt sein.
Genauso wie die Branche haben sich auch die Ansprüche der Mandanten an die steuerliche und betriebswirtschaftliche Beratung geändert. Grund genug zwei Steuerberater aus unterschiedlichen Generationen zu dem Thema Branchenspezialisierung Personaldienstleister Stellung nehmen zu lassen. Der Steuerberater Wendelin Priller aus Fulda betreut seit 30 Jahren Mandanten aus dieser Branche. Zu seinen Anfangszeiten waren manche Bereiche wie beispielsweise Teile des Steuerrechts für die Personaldienstleister noch nicht geregelt. Im Gegensatz zu ihm ist die Steuerberaterin Silvia Vogl aus München erst seit sechs Jahren auf die Branche spezialisiert.

Neben der Schnelllebigkeit werden in der Branche Spitzen schnell auf- und wieder abgebaut.

DATEV magazin: Was zeichnet die Branche aus?

Wendelin Priller: Die Branche zeichnet sich durch eine hohe Takt­zahl aus. Die Themen kommen schnell auf den Tisch und müssen genauso schnell gelöst werden. Deshalb sind zehn der 80 Mit­arbeiter aus­schließ­lich für die Personal­dienst­leister zuständig. Neben der Schnell­lebig­keit werden in der Branche Spitzen schnell auf- und wieder abgebaut. Die Branche der Personal­dienst­leister ist damit ein kon­junktur­eller Früh­in­di­kator.

Silvia Vogl: Der Beratungsbedarf in der Branche ist enorm: Das geht los bei der Beratung zur Lohn- und Gehaltsabrechnung sowie den Personalkosten über die Entsendung ins Ausland bis hin zur Beratung, welches Abrechungssystem der Mandant einsetzen soll. Bei einer Systemumstellung liefern wir nicht nur das Konzept, sondern begleiten auch die Umsetzung.

DATEV magazin: Wie sind Sie auf diese Branchenspezialisierung gekommen?

Wendelin Priller: Am Anfang meiner beruflichen Laufbahn hat mich ein großer Personaldienstleister gebeten, ihn zu betreuen. Über diesen Weg bin ich dann immer mehr mit dem Thema vertraut geworden. Es bedarf eines langen Atems, wenn man sich auf eine Branche spezialisieren möchte, anders ist dies nicht möglich. Jedoch haben wir unsere Kanzlei durch die Spezialisierung in eine komfortable Situation gebracht. Sie ist mit dem Grad der Spezialisierung gewachsen, genauso wie unsere Mandanten.

Silvia Vogl: Ich bin durch Zufall auf die Branchenspezialisierung gekommen. Die bewusste Entscheidung, sich auf eine Branche zu spezialisieren hat den Vorteil, dass man sich bereits im Voraus mit der betreffenden Branche auseinandersetzt. Somit weiß man, was auf einen zukommt und welche Potenziale in der betreffenden Branche vorhanden sind.

DATEV magazin: Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Punkte, die bei der Branchenspezialisierung Personaldienstleister beachtet werden sollten?

Silvia Vogl: Extrem wichtig ist es in dieser Branche, das Geschäftsmodell zu verstehen. Ich habe mich am Anfang hingesetzt und mir in zwei bis drei Tagen einen Fundus an Wissen aufgebaut. Von diesem profitiere ich noch heute und halte ihn stets aktuell.

Wendelin Priller: Wenn ich die Branche richtig beraten will, muss ich die Personaldienstleister auch als zentrale Branche verstehen. Es handelt sich hierbei nicht nur um einen weiteren Mandanten, den man in steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Fragen berät. Zudem ist es unerlässlich, das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz zu kennen.

DATEV magazin: Welche Rolle spielt der rechtliche Hintergrund in dieser Branche?

Silvia Vogl: Aufgrund des Dreiecksverhältnisses zwischen dem Verleihunternehmer, dem Entleihbetrieb sowie dem Arbeitnehmer lassen sich rechtliche Problemstellungen nicht gänzlich vermeiden. Wir verstehen uns zwar als Spezialkanzlei für Personaldienstleister, jedoch bieten wir keine juristische Beratung an. Bei unseren Mandanten erfolgt der rechtliche Beistand durch die Hausjuristen des jeweiligen Personaldienstleisters bzw. durch die Muttergesellschaft.

Wendelin Priller: Wir haben in unserer Kanzlei Rechtsanwälte, die die Mandanten beispielsweise bei arbeitsrechtlichen Fragen beraten. Dieses Angebot wird von den Mandanten in Anspruch genommen, die bis zu 700 Arbeitnehmer haben. Diese besitzen oft keine eigene Rechtsberatung im Haus. Dieses Vorgehen ist ein Vorteil der Spezialisierung, da wir unseren Mandanten eine Rundum-Betreuung anbieten können. Um über aktuelle Entwicklungen in der Branche informiert zu sein, besuchen unsere Hausjuristen die Branchenverbandstreffen.

DATEV magazin: Was verstehen Sie unter Branchenspezialisierung und wie sieht diese aus?

Silvia Vogl: Neben dem Bedarf des Mandanten ist die Zusammenarbeit sehr wichtig. Um zu sehen, ob die Zusammenarbeit mit dem Mandanten funktioniert und sich die Mandatsbeziehung entwickeln kann, hilft nur ein längeres Gespräch mit den handelnden Personen und natürlich Zeit.

Wendelin Priller: Sich auf eine Branche zu spezial­isieren bedeutet, sich spezielles Wissen über eine Branche und deren Be­sonder­heiten an­zu­eignen. Dies bedeutet aber nicht im Um­kehr­schluss, dass nur noch aus­schließ­lich Man­danten aus dieser Branche betreut werden sollten. Dies wäre gerade in der An­fangs­zeit einer Kanzlei ungesund. Der Deckungs­beitrag muss stimmen und dieser kommt auch von anderen Mandanten. Als interessante und zukunfts­weisende Branche, neben den Personal­dienst­leistern, sehe ich die Energie­branche mit all ihren Facetten.

DATEV magazin: Welche Vorteile hat Ihre Kanzlei durch die Branchenspezialisierung?

Wendelin Priller: Durch die Spezialisierung kann unsere Kanzlei den Kunden eine besonders tief gehende Beratung anbieten, da wir das Geschäftsmodell, die Abläufe und Sorgen der Mandanten verstanden haben. Ein Nebeneffekt der Spezialisierung ist, dass die Arbeitsabläufe in der Kanzlei standardisierter sowie effizienter ablaufen.

Silvia Vogl: Darüber hinaus können wir dem Mandanten besondere Dienstleistungen anbieten, wie beispielsweise die Erstellung der Steuererklärung für ins Ausland entsandte Arbeitnehmer. Durch die Spezialisierung haben wir uns in der Branche einen Namen gemacht.

Veränderungen der wirtschaftlichen Lage in Deutschland finden als Erstes in der Zeitarbeitsbranche statt.

DATEV magazin: Wie sehen Sie die Veränderungen in der Branche Personaldienstleister?

Silvia Vogl: Veränderungen der wirtschaftlichen Lage in Deutschland finden als Erstes in der Zeitarbeitsbranche statt. Damit fungiert diese Branche als Frühindikator für die restliche Wirtschaft. Die genaue Entwicklung in dieser Branche bzw. in der restlichen Wirtschaft vorherzusagen, ist schwierig.

Wendelin Priller: Die Zeitarbeit ist unverzichtbar für den Arbeitsmarkt. Die Personaldienstleister haben eine große sozialpolitische Arbeit geleistet. Manche Arbeitnehmer können nicht auf Anhieb in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden. Durch das Instrument Zeitarbeit bekommen sie die Möglichkeit, sich zu behaupten. Diese Chance wird von ihnen auch genutzt. Viele dieser entliehenen Arbeitnehmer werden vom Entleihbetrieb fest angestellt. Jedoch gab es in der Vergangenheit einige schwarze Schafe in der Branche, die versucht haben, die Zeitarbeit als Instrumentarium zu benutzen, um die Arbeitnehmer schlechter zu entlohnen. Das ist ein Grund, warum die Branche im Fokus der Arbeitsmarktpolitik steht und auch zukünftig stehen wird, denn es darf keine Arbeitnehmer zweiter Klasse geben.

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