„Was eine hochvolatil arbeitende IT-Agentur kann, muss bei der strukturierten Kanzleiarbeit erst recht möglich sein!“ - 21. Oktober 2019

Mit 25 Stunden durch die Woche

Der Hamburger Steuerberater Erich Erichsen hat auf dem DATEV Digicamp für viel Aufsehen gesorgt. Und zwar nicht nur wegen seines Greuther Fürth-Trikots. Seine Session über das Vorhaben, den Arbeitstag in seiner Kanzlei auf fünf Stunden zu reduzieren – für alle Mitarbeiter, bei gleichem Gehalt – war bestens besucht.

Du sagst, in 25h bekommst Du das gleiche gestemmt wie in einer regulären 40-Stunden-Woche – das klingt erstmal provokant! Haben wir wirklich 40 Prozent Businesstheater in den Unternehmen, um mit Lars Vollmer zu reden?

Da hat Lars Vollmer vollkommen recht. Wir arbeiten an einem 8-Stunden-Tag ja niemals komplett mit 100 Prozent Leistung durch. Da sind auch jede Menge Pausen, soziale Kontaktpflege und ineffiziente Prozesse enthalten. Dazu gibt es viele empirische Studien, die von einer Last von maximal um die 65 Prozent ausgehen. Mehr ist bei einem 8-Stunden-Tag nicht zu leisten. Und wenn ich mir ansehe, wie sehr durch die sozialen Netzwerke die privaten Kontaktpunkte in den Arbeitsalltag hineingreifen, dann wird die Situation ja nicht besser.

Wenn wir vor diesem Hintergrund 40 Prozent der Arbeitszeit abschneiden und alle technischen und prozessualen Hürden beseitigen, kann ich in meiner Zeit viel effektiver was wegschaffen. Die sozialen Themen finden dann viel entspannter in der Freizeit statt.

Eine Mitarbeiterin hat schon vor längerem ihre Arbeitszeit von 37 auf 29 Stunden reduziert, weil sie mehr Zeit für ihre Familie haben wollte. Ich habe mit ihr besprochen, dass sie dafür keine Mandate aufgibt, auch Unterstützung wollte sie keine haben. Sie leistet die gleiche Arbeit nur viel effizienter. Es funktioniert!

Ich habe also den Vorschlag mit der 25-Stunden-Woche meinem Team vorgestellt und sie gefragt, ob sie sich das vorstellen können. Die Reaktion war sehr positiv. Alle konnten sich das vorstellen, in 5 Stunden 90-95 Prozent hochkonzentriert zu arbeiten. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen: Das hat eine echte Motivationswelle ausgelöst – „Ich will das schaffen!“

Mit welcher Motivation hast du dieses Thema auf das DATEV Digicamp gebracht? Was war Deine Erwartung an die Session?

Ich habe in letzter Zeit viel gelesen. Das Beispiel von Lasse Rheingans, der vor einigen Wochen sein Buch „Die 5-Stunden-Revolution“ veröffentlicht hat, ist mir eine große Inspiration. Er hat in seiner Agentur Rheingans Digital Enabler den 5-Stunden-Tag bei gleichem Gehalt zunächst als Experiment eingeführt, und dann haben seine Mitarbeiter das beibehalten. Für mich habe ich daraus die Erkenntnis gezogen: Was der in seiner hochvolatilen Digitalen-Werbeagentur kann, das muss in einer viel strukturierter und vorhersehbarer arbeitenden Kanzlei allemal möglich sein.

Ebenfalls inspirierend fand ich die Lektüre von Gary Keller „The One Thing“. Hier geht es um die Fokussierung auf das eine Thema, mit dem ich erfolgreich sein will. Alles andere ist entweder unwichtig oder kann anders gelöst werden. So wie Ihr das bei der DATEV mit dem Marktplatz ja auch praktiziert: Ihr bindet Partnerlösungen an den Stellen ein, wo Euch ein eigenes Invest zu aufwändig ist. Ich habe mir auch die Frage gestellt: Was ist mein Kernthema? Und die Antwort ist ganz klar: Ich konzentriere mich voll auf digitale Steuerberatung für Unternehmen.

Du merkst schon: Das Thema 25-h-Woche hat mich so sehr gepackt wie schon lange kein anderes Thema mehr, vielleicht abgesehen von DATEV Unternehmen online. Und das meine ich völlig ernst! Unternehmen online ist ein cooles Produkt, ein cooler Prozess. Und diese Begeisterung für die 25-Stunden-Woche hat mich dazu getrieben, das Thema laut machen zu wollen. Ich werde das auch an anderen Stellen tun.

Was hast Du aus Deiner Session mitgenommen?

Es war der Knaller! Ich hatte ganz viel Spaß bei der Session, auch wenn ich mit vielen durchaus kritischen Fragen konfrontiert wurde – da war beispielsweise der Punkt, dass fünf Stunden ja genauso ein Arbeitszeitrahmen ist wie acht Stunden. Oder warum nicht 30 oder 20 Stunden? Ich glaube, 25 Stunden sind ein gutes Mittelding – das ist ein Zeitrahmen, in dem man noch sehr gut hocheffektiv arbeiten kann und bei dem die verbliebene Freizeit ein ausreichend großer Motivationsfaktor ist, um die Leistung auch wirklich zu bringen. Ich glaube, die vielen Fragen habe ich hervorragend parieren können, sodass ich für mich eine Bestätigung meines Vorgehens mitgenommen habe, eine sehr positive Stimmung. Außerdem habe ich ein paar Visitenkarten ausgetauscht, weil man mich gerne als Referent haben möchte. Das ist natürlich super, wenn ich das Thema so weitertragen kann.

Was haben die Teilnehmer mitgenommen?

Auf jeden Fall mal einen energiegeladenen Sessiongeber! Und ich bin auch im Nachgang mehrfach von Teilnehmern angesprochen worden, weil sie von der Session so begeistert waren und mitgerissen wurden. Ich wünsche mir sehr, dass da auch die ein oder andere Idee für eine Implementierung bei anderen Arbeitgebern dabei ist – vielleicht ja auch für die DATEV?

Wie wirst Du mit der 25h-Woche nun weitermachen?

Grundvoraussetzung für das Projekt 5-Stunden-Tag ist ein galaktischer Digitalisierungsgrad in den Kanzleiprozessen und in der Zusammenarbeit mit den Mandanten. Nur dann kann ich auch wirklich die Themen schlank abarbeiten. Ich bin da auch schon ziemlich gut vorangekommen. Im Sommer habe ich nach vier Wochen Urlaub nur zwei Tage gebraucht, um wieder voll im Rhythmus zu sein. Klar habe ich im Urlaub auch ein wenig gearbeitet, aber mir ist es lieber, ich schreibe im Urlaub zwei bis drei Emails am Tag und bin dann schnell wieder im Soll, als dass ich nach dem Urlaub ein bis zwei Wochen damit verbringe, die aufgelaufenen Dinge abzuarbeiten. Das muss halt jeder selbst wissen. Aber mit einer hohen Digitalisierung habe ich zumindest die Möglichkeit für so ein schlankes Management.

Wir sind derzeit in der Ausdifferenzierung der ganzen Rahmenparameter – Kernarbeitszeiten, Regeln, Tools… Das geht nur basisdemokratisch. Alle müssen da mitziehen. Im Prinzip ist es mir ja egal, wann die Arbeit gemacht wird. Nur sind wir so ein kleines Team, dass völlige Freiheit einfach nicht sinnvoll ist. Termine sind auf maximal 15 Minuten begrenzt, Mails werden nur morgens und mittags gelesen, priorisiert und dann abgearbeitet. Es macht ja keinen Sinn, ständig von Benachrichtigungen unterbrochen zu werden, das reißt einen nur aus dem Arbeitsfluss heraus.

So richtig loslegen werden wir dann zum 1. Januar. Ich bin schon total gespannt! Und im September werde ich dann auf dem DATEV Barcamp einen Erfahrungsbericht über die ersten neun Monate bringen.

Für die soziale Komponente werden wir aber auch noch sorgen: Wir machen nicht nur ein Weihnachts- und ein Sommerfest, wir feiern einfach in jedem Quartal. Und mittwochs wird gemeinsam gekocht. Teilnahme natürlich freiwillig und ohne Zeitbegrenzung.

Was war Dein persönliches Highlight in der Session?

Das war Dein DATEV-Kollege Alper Aslan. Wie der 1:1 vier lange Zitate von mir live mitgetwittert hat, und da war jedes Wort korrekt – das hat mich total begeistert.

Und das zweite Highlight war der grandiose Applaus für den Trailer zu meiner Session – bevor ich überhaupt ein Wort gesagt hatte! Einfach nur die Begeisterung für das kurze Video, das in Anlehnung an Star Wars daherkommt mit der Aussage: „Die 25-Stunden-Woche. Rückkehr der motivierten Mitarbeiter“. Das war richtig cool.

Was hat Dich auf dem DigiCamp am meisten begeistert?

Das Digicamp ist eine geile Veranstaltung! Das Format ist einfach cool, wenn ich 100 Möglichkeiten habe und dann trotzdem der Raum ist, um ein spannendes Gespräch fortzuführen. Ich habe beispielsweise nach der Blockchain-Session von Boris Lingl noch 45 Minuten mit ihm über die Technologie, ihre Folgen und meine Ideen dazu gesprochen. Solche Formate sind einfach toll, weil sie den Mitgliedern die Möglichkeit geben, der DATEV zu sagen, was ihnen wichtig ist.

 

 

Zum Autor

Till Stüve

Mitarbeiter DATEV eG, Pressestelle

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