Kanzleigründung - 27. März 2020

Logbuch einer Problemlöserin

Die frisch gebackene Steuerberaterin Nadine Herrmann über ihren Alltag – von der bestandenen Prüfung über die Gründung ihrer Kanzlei bis zu ihren Erfahrungen als Existenzgründerin.

12. März 2018, 13.30 Uhr

Die Prüfungskommission der Steuerberaterkammer hat mich und vier weitere Prüflinge in den Prüfungsraum gerufen. Alle Prüflinge hatten an diesem Tag bestanden. Endlich konnte ich glücklich, erschöpft und erleichtert meinem Freund um den Hals fallen. Es war geschafft, das große Ziel: Steuerberaterin. Es war geschafft!

12. April 2018

Bestellung zur Steuerberaterin in Frankfurt am Main. Endlich. Party, feiern, abrocken – oder etwa doch nicht? Ich habe meine Bestellungsurkunde vom Präsidenten der Steuerberaterkammer Hessen überreicht bekommen. Jetzt ist es offiziell. Ich bin Steuerberaterin. Und nun?

Natürlich habe ich die Prüfung gemacht, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen und damit verbunden auch einen bestimmten beruflichen Weg einzuschlagen. Dieser stand schon vor Beginn der Vorbereitung zur Steuerberaterprüfung für mich fest, ich wollte mich als Steuerberaterin selbstständig machen. Inspiriert von meinem Vater, selbstständiger Fliesenleger, hatte ich schon relativ früh den Traum, in die berufliche Unabhängigkeit und Selbstständigkeit zu gehen. Dass es die Steuerberatung wird, hatte sich erst nach der Ausbildung zur Steuer­fachangestellten und zu Beginn meines Studiums herausgestellt. Somit entschied ich nach der Bestellung zur Steuerberaterin, keine Zeit zu vergeuden und direkt mit der Übergabe der Urkunde meine Festanstellung zu beenden und mich auf der sogenannten grünen Wiese selbstständig zu machen.

Meine Erwartungen zum damaligen Zeitpunkt waren hoch. Meine Vision von einer digital orientierten, modernen und innovativen Kanzlei, welche die Bedürfnisse des Mandanten in den Fokus stellt und mir selbstverständlich ein erfülltes Leben ermöglicht, war geboren. Die digitale Ausrichtung hatte ich schon während meiner Angestelltentätigkeit für mich entdeckt und durfte dort auch schon einige Ideen umsetzen. Ich bin immer fasziniert, wie man sich die Arbeit und das Leben mit automatischen Prozessen erleichtern kann. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich die Buchungsstapel meiner Mandanten abhole und das Protokoll eine Zuordnungsquote von mehr als 90 Prozent anzeigt.

Voller Euphorie, aber noch erschöpft von der Vorbereitungszeit der Steuerberaterprüfung befand ich mich nun also dort, auf der grünen Wiese. Mein Start begann allein, einsam und für niemanden sichtbar hinter meinem Schreibtisch. Kurz darauf schlichen sich die ersten Zweifel ein. Hatte ich den richtigen Weg eingeschlagen? Oder ist es nicht doch zu früh, in meinem kleinen, spärlich eingerichteten Arbeitszimmer zu gründen? Aber schließlich musste das Konto gefüllt werden, also hieß es, die ersten negativen Gedanken zu verscheuchen. Ich musste handeln. Denn jetzt war ich nicht nur Steuerberaterin, sondern auch Unternehmerin.

In der Vorbereitungsphase auf die Steuerberaterprüfung wurden wir gefühlt auf jedes Steuersonderthema vorbereitet, haben Verfahrensrecht, Ertragssteuerrecht und Bilanzierung in den sechsstündigen Probeklausuren rauf und runter gelernt. Aber auf das Unternehmerdasein hatte mich keiner vorbereitet. In keinem Kurs wurde mir gezeigt, was es bedeutet, ein eigenes Unternehmen zu führen, und wie ich es schaffe, durch gezielte Marketingmaßnahmen Mandanten zu gewinnen und diese auch langfristig an mich zu binden, oder wie ich eine eigene Kanzlei aufbaue und diese langfristig am Markt etablieren kann.

Auch die Digitalisierung wurde nicht thematisiert. Dabei ist eine digitale Ausrichtung für uns (junge) Steuerberater meiner Meinung nach eine große Chance und langfristig sogar überlebenswichtig. Da es kaum noch kompetentes Fachpersonal auf dem freien Arbeitsmarkt gibt, müssen die Prozesse in der Kanzlei digitalisiert und automatisiert werden, um einfach, schnell umsetzbar und auch skalierbar zu bleiben. Auch wird die reine Bearbeitung der Buchhaltung und des Lohns langfristig nicht mehr die Premiumleistung sein, welche notgedrungen von einem Steuerberater erstellt werden muss.

Da ich mich jedoch dazu entschieden hatte, den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen, musste ich mir eine Strategie überlegen und ein Konzept entwickeln. Dazu musste ich die ersten, für mich grundlegenden Fragen beantworten: Wer bin ich? Was kann ich? Wen will ich?

Wer meint, diese Fragen aus dem Stegreif beantworten zu können, der täuscht sich gewaltig. Allein die Frage nach der Zielgruppe – also das Wen – hatte mich mehrere Stunden beschäftigt. Denn der Internetauftritt oder eine andere Vermarktung kann meines Erachtens nur dann erfolgreich funktionieren, wenn festgelegt wird, wer denn überhaupt angesprochen werden soll. Daher braucht es eine Zielgruppe – mit all ihren Bedürfnissen, Problemen, Schwierigkeiten und Wünschen.

Sommer 2018

Logo ist designt. Homepage geht ins Netz. Mandant droht mit Auftrag.

Es war so weit. Nachdem ich meinen Freundeskreis und sämtliche Familienmitglieder als potenzielle Mandanten abgegrast hatte und nun mit meinem Internetauftritt auch endlich für die Außenwelt sichtbar geworden war, kündigte sich der erste Mandant an. Natürlich hatte ich schon während meiner Angestelltentätigkeit etliche Gespräche geführt. Aber ganz ehrlich, ich war richtig nervös. Schließlich erwarte ich erstklassige Beratung von mir. Nach den ersten Minuten hatte sich die Anspannung gelegt. Das Gespräch verlief noch etwas unstrukturiert, aber in der Summe positiv. Um die zukünftigen Gespräche geordneter aufzubauen, zog ich die erste Konsequenz: Ich erstellte einen Erstberatungsbogen, an dem ich mich fortan orientieren konnte. Praktischer Nebeneffekt dabei: Das Protokoll kann gleich in der Dokumentablage zu Dokumentationszwecken abgelegt und dem Mandanten zur Info übersandt werden.

Oktober 2018

Die ersten Monate vergingen, aber so richtig wollte es nicht vorangehen. Also musste ich etwas verändern und entschied, in den aktiven Austausch mit anderen Unternehmern zu gehen. Schließlich muss es ja auch Start-up-Unternehmer geben, die sich mit den gleichen Themen auseinandersetzen wie ich.

Sehr nützlich waren dabei unter anderem der Besuch der Gründernetzwerke oder die Treffen des Steuerberaterverbands beziehungsweise der Steuerberaterkammer. In den Gründernetzwerken der DATEV wurden Themen behandelt, die mir beim Aufbau der Kanzlei sehr nützlich waren, etwa Steuerberatung 4.0 oder Honorarpolitik in der Kanzlei – beides sehr empfehlenswert. Die Treffen waren immer sehr ungezwungen und in lockerer Atmosphäre, sodass jeder über seine Erfahrungen in der Kanzlei berichten konnte. Die Digitalisierung in der Kanzlei war ein Dauerbrenner, aber es blieb auch genügend Zeit, mit anderen Kanzleigründern Kontakte zu knüpfen. Branchenunabhängige Gründernetzwerke in meiner Umgebung stellten sich ebenfalls als wertvoll heraus. Dort unterhält man sich ganz ungezwungen bei einem Feierabendbierchen mit Webdesignern, Architekten oder Handwerkern. Interessant fand ich, wie diese unterschiedlichen Branchen beispielsweise mit Marketing, Auftragsverarbeitung oder Personalsuche umgehen. Zudem habe ich auf solchen Treffen schon den einen oder anderen Mandanten auf relativ simple Weise gewinnen können.

Mai 2019

Heute bin ich ein Jahr lang selbstständig. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen.

Ich weiß nun, dass die erfolgreiche Gründung einer Kanzlei nichts mit einem Sprint zu tun hat. Die Existenzgründung als solche ist zwar relativ schnell vollzogen. Ich benötigte hierzu lediglich einen Laptop und ein gutes Programm und konnte loslegen. Aber um letztlich auch erfolgreich zu sein, muss man sehr viel mehr Zeit in die Planung und die Strategie seines Unternehmens stecken. Ich wollte gerade zu Beginn zu viel und zu schnell umsetzen. Dass das aber nicht immer sinnvoll und vor allem nicht machbar ist, habe ich erst lernen müssen.

Wofür ich das tue? Ich möchte meine Vision von der für mich perfekten Kanzlei leben.

Auch habe ich den ein oder anderen Schritt zwei- oder sogar dreimal gehen müssen, weil es einfach Dinge in der Gründungsphase gibt, die auf Anhieb nicht so funktioniert haben, wie ich es mir vorgestellt hatte. Zugegeben: Es ist manchmal wirklich anstrengend, alles von Beginn an selbstständig und allein aufzubauen. Da sehnt man sich nach einer 40-Stunden-Woche oder einem freien Wochenende. Letztlich weiß ich aber, wofür ich das tue: Ich möchte meine Vision von der für mich perfekten Kanzlei leben, meine Ideen umsetzen und unabhängig sein. Mit einem Wort: authentisch sein. Dass das mit positiven Bewertungen und Empfehlungen meiner Mandanten belohnt wird, freut mich umso mehr und zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

1. Juli 2019

Heute beziehe ich meine Kanzleiräume in Seligenstadt. Außerdem werde ich die erste Mitarbeiterin einstellen. Sicherlich werden hier neue Herausforderungen auf mich zukommen.

9

Der Jahreswechsel ist immer ein guter Zeitpunkt, zurückzu­blicken und in die Zukunft zu schauen. Heute sehe ich, dass die Ausbildung zur Steuerberaterin sicherlich nichts damit zu tun hat, dass ich mit Überreichung der Urkunde auch als selbstständige Unternehmerin erfolgreich eine Kanzlei gründen kann. Vielmehr habe ich in der Ausbildung eine Art Werkzeug, das Knowhow, an die Hand bekommen, um damit zu arbeiten und zu beraten.

Leider geraten sehr viele Themen, die nicht alltäglich in meiner praktischen Arbeit vorkommen, in Vergessenheit und sind nicht mehr so spontan abrufbar wie noch in der Vorbereitungszeit. Aber womöglich ist das auch gar nicht schlimm. Denn es gibt genug Kollegen, die sich auf Themen spezialisiert haben, die man selbst nicht abdecken kann – und denen vermittelt man auch gerne die Mandanten weiter. Trotzdem wäre es schön, wenn sich die Vorbereitungskurse und die damit verbundene Steuerberaterprüfung etwas mehr an die Themen der heutigen Zeit anpassen würden – und vielleicht auch etwas praxisorientierter, individualisierbarer wären. Denn das Bestehen der schriftlichen Prüfung ist leider immer noch reine Glückssache und stark abhängig von der Themenauswahl der Prüfungskommission. Dass eine breite Masse an Examensstoff für die Qualifikation abgefragt werden muss, ist zwar verständlich. Meiner Meinung nach fehlt in der Prüfung aber vor allem eines: die Bewertung und Überprüfung der Kernkompetenz des Einzelnen. 

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NH
Nadine Herrmann

Steuerberaterin, Seligenstadt

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