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Öffnung fördert Wachstum

DATEV-Ökosystem

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An­ge­lehnt an das bio­lo­gische Modell funk­tio­niert auch ein di­gi­ta­les Öko­system: Alle Teil­nehmer agieren mit­ein­ander und mit ihrem Um­feld – zum ge­gen­seitigen wirt­schaft­lichen Vorteil. Matthias Nitsche, Mitglied des Executive Committee, erklärt das digitale Öko­system der DATEV und warum Stabilität nicht mehr pauschal die Maxime sein kann.

DATEV magazin: Herr Nitsche, viele sprechen derzeit über digitale Ökosysteme, wir auch. Wir reden vom digitalen DATEV-Ökosystem. Ist das nur eine Mode oder befinden wir uns inmitten einer Entwicklung?

MATTHIAS NITSCHE: Ein Blick auf neue Geschäfts­modelle zeigt: Kollaboration und die Ausgestaltung von Plattformen sind ein wichtiger Teil der Veränderung, die durch die Digitalisierung von Geschäftsprozessen entsteht. Beides – Kollaboration und Plattformausgestaltung bestimmen den Markt­erfolg. Ein Beispiel: Digitale Marktplätze bringen Verkäufer und Käufer unkompliziert zusammen und bieten weitere Dienstleistungen auf ihren Plattformen. Damit bereiten sie traditionellen Marktteilnehmern große Schwierigkeiten, zum Beispiel im stationären Handel. Man muss nicht mal auf die bekannten amerikanischen Player wie Google und Amazon schauen. Auch der deutsche Mittelstand und mit ihm der steuerberatende Berufsstand versuchen, sich die Chancen der Digitalisierung zu erschließen. Die bekanntesten Beispiele sind die sichtbaren Ver­änd­e­run­gen im Rechnungswesen oder die Digi­ta­li­sie­rungs­be­stre­bun­gen der Fi­nanz­ver­waltung. Diese Entwicklungen werden weitergehen, und die Veränderungen werden fundamental sein, insofern kann man von einem Trend sprechen.

Wie würden Sie das digitale ­DATEV-Ökosystem beschreiben?

DATEV als Genossenschaft der Steuerberater hat sich in den letzten 50 Jahren zu einem starken Ökosystem entwickelt. Es genügt aber nicht, nur von einer digitalen Genossenschaft zu sprechen. Der Blick muss über den Tellerrand hinausgehen und die Mandanten unserer Mitglieder und deren Kunden und Lieferanten einbeziehen. Besonders andere Softwarehersteller spielen hier eine Rolle. Nur so lassen sich durchgängig digitale Prozesse etablieren. Ein digitales DATEV-Ökosystem beschreibt ein System, das auf digitalem Weg die Beteiligten zusammenbringt, um gemeinsam mehr zu schaffen, als einer alleine vermag. Es reicht nicht mehr aus, ein Software-Produkt im Markt zu platzieren. Es geht darum, Wertschöpfungsketten optimal zu unterstützen.

Können Sie das bitte konkretisieren – wer sind die Akteure und wie interagieren sie?

Im DATEV-Ökosystem wollen wir die Mitglieder miteinander vernetzen und durch zusätzliche Partner deren Leistungsangebote erweitern. Gleichzeitig möchten wir die Mandanten fester an unsere Mitglieder binden, beispielsweise mit Kol­la­bo­ra­tions­lösungen. Dabei ergeben sich Berührungspunkte mit verschiedenen Akteuren und teilweise mit anderen Ökosystemen. Wir wollen also die Software der Privat- und Unter­neh­mens­man­date, zum Beispiel Software für kleine und mittelständische Unternehmen, oder von Dienstleistern wie PayPal einbinden. Weiterhin zeichnet sich DATEV durch die Zusammenarbeit und Übermittlung von Daten an öffentliche Stellen, Behörden und die Kreditwirtschaft aus. Das ­E-Government stellt also auch ein eigenes Ökosystem dar, in dem DATEV ein Teil ist. Zudem ist DATEV in den Bereichen Software, Service und Wissen mit zahlreichen Partnern vernetzt. Dazu gehören Software- und DATEV-Systempartner aber auch zahlreiche Bildungspartner wie Hochschulen. All das ermöglicht uns, ein breites Leistungsspektrum anzubieten, um den Anforderungen der Mitglieder und Mandanten umfassend nachzukommen.

Die Digitalisierung bietet aber für die steuerberatenden Berufe und den Mittelstand große Chancen.

In erster Linie sind wir unseren Mitgliedern verpflichtet. Wie profitieren diese von dem DATEV-Ökosystem? Welche Rolle spielen die Berater in diesem System?

Oft werden die Gefahren einer zunehmenden Digitalisierung sowie die Bedrohung durch die digitalen Riesen wie Amazon und Google in das Zentrum der Debatte um Plattformen und Ökosysteme gestellt. Die Digitalisierung bietet aber für die steuerberatenden Berufe und den Mittelstand große Chancen. Mit unserem Ökosystem sehen wir uns als Unterstützer, Gestalter und vielleicht auch als Treiber digitaler und kollaborativer betriebs­wirt­schaft­licher Prozesse. Der Berater steht weiter im Zentrum, weil sich das Tätigkeitsfeld teilweise verändern und erweitern wird. Durch die Vernetzung im Ökosystem spielt beispielsweise die räumliche Nähe zwischen Mandant und Berater eine immer geringere Rolle. Mussten sich beide früher an einem physischen Ort treffen, stellt der Mandant heutzutage die relevanten Unterlagen einfach digital bereit. Auch über Daten früher zu verfügen und sie einfacher auswerten zu können, bietet zahlreiche Chancen für effizientere Beratungen und Dienstleistungen. Für DATEV stehen auch weiterhin der wirtschaftliche Erfolg unserer Mitglieder und deren Mandanten im Fokus. Durch das digitale DATEV-Ökosystem wird er geschärft.

Ökosysteme sind sehr fragile Systeme. Sobald sich ein Parameter ändert, kann sich das gesamte System verändern, schlimmstenfalls kann es kippen. Welche empfindlichen Parameter im digitalen DATEV-Ökosystem gibt es und wie halten wir sie stabil?

Eine sehr schwierige Frage. Mir kommt dazu das Zitat in den Sinn, das man dem griechischen Philosophen Heraklit zuschreibt: „Nichts ist so beständig wie der Wandel.“ Es geht weniger darum, in einem sich permanent und schnell verändernden Umfeld Parameter stabil zu halten. Wir werden uns auf Veränderungen einstellen müssen, ob wir wollen oder nicht. Dabei ist es besser, diese Veränderungen mitzugestalten, als sich von ihnen treiben zu lassen. Was stabil bleibt, ist unsere grundsätzliche Aufgabe, den Berufsstand zu unterstützen und Wett­be­werbs­vor­teile für unsere Mitglieder zu schaffen. Dabei werden wir unsere Alleinstellungsmerkmale, wie Sicherheit, Vertraulichkeit und Verlässlichkeit nicht aufgeben, sondern aktiv vorantreiben.

Indem wir uns für Fremd-Software öffnen, geben wir auch Informationen über unsere Software und Prozesse preis. Ein früher streng gehütetes Geheimnis. Worin besteht die Notwendigkeit dieses Sinneswandels?

Wir sind zu der Überzeugung gelangt, dass Ökosysteme nur funktionieren, wenn Akteure gleichermaßen voneinander profitieren. Beispielsweise gibt es für Upload-Apps oder ERP-Systeme sehr gute Partnerlösungen. Wir kon­zen­trie­ren uns daher nach entsprechender Prüfung eher auf eine Anbindung auf der Basis von Stan­dard­schnitt­stellen und -verfahren als auf Eigenentwicklungen. Dies hilft uns dabei, unsere Entwicklungsaktivität auf andere wichtige strategische Themen zu fokussieren. Beispielsweise investieren wir gerade viel in die Automatisierung der Finanzbuchführung oder in den Aufbau einer DATEV-Plattform. Am Ende geht es darum, unseren Kunden eine gute Lösung für ihre Probleme zu bieten. Wenn dies mit Partnern besser funktioniert, machen wir es. Dabei prüfen wir sehr sorgfältig, welche Lösungen unser Produktportfolio ergänzt, wo die Zu­sam­men­ar­beit Sinn ergibt oder wo nicht.

Manch neuer Partner steht möglicherweise im direkten Wettbewerb zu DATEV oder zum Mandanten unserer Mitglieder. Diese Zu­sam­men­arbeit kommt bei DATEV einem Pa­ra­dig­men­wechsel gleich – wie verträgt sich das?

Für uns stehen der Kundennutzen und die Förderung der Mitglieder im Mittelpunkt, wir wollen unseren Mitgliedern und deren Mandanten erstklassige Lösungen anbieten. Bei der Auswahl der Partner und dem Partnermanagement ­achten wir darauf, dass diese Grundsätze nicht verletzt werden.

UNSER GESPRÄCHSPARTNER

 
 
 
 
MATTHIAS NITSCHE Mitglied des DATEV Executive Com­mit­tee sowie Leiter der Ent­wick­lung Kanzlei­ma­nage­ment, Kunden­prozesse und Quer­schnitts­themen. Er ver­ant­wortet unter anderem das Ziel­bild zum DATEV-Ökosystem.

 

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