Vorläufiges Lockdown-Ende - 22. Mai 2020

Über Risiken und Nebenwirkungen für den Einzelhandel

Die Maßnahmen infolge der Corona-Pandemie werden nun in nahezu allen Bereichen schrittweise gelockert. Damit erfolgt eine Art Wiederbelegung der zuvor in den Stillstand gezwungenen Wirtschaft. Für Inhaber und Mitarbeiter der betroffenen Unternehmen ist es von besonderer Bedeutung, wie der Neustart des Geschäftsbetriebs von den Kunden angenommen wird.

Schon jetzt, wenige Wochen nach Beginn der ersten Lockerungen, sind deutliche branchenspezifische Unterschiede zu erkennen. So ist in eher freizeitorientierten Bereichen eine lebhafte Nachfrage entstanden – sei es durch den vor der Tür stehenden Sommer, sei es durch die zusätzlich freie Zeit in Folge von Kurzarbeit- oder Homeoffice-Regelungen. Exemplarisch kann hier auf die Fahrradbranche verwiesen werden. Viele Menschen haben in Folge der Kontaktbeschränkungen das Radeln als Freizeitbeschäftigung und Fortbewegungsmittel für sich (wieder)entdeckt. In diesem Bereich sind positive Entwicklungen zu verzeichnen. Aber auch Lieferdienste für Speisen und Getränke haben nach wie vor eine gute Auslastung. Vielleicht, weil die Bestellung nach Hause mittlerweile zu einer Art Routine geworden ist.

Probleme im Einzelhandel

Demgegenüber steht der klassische Einzelhandel, insbesondere die Modebranche, vor schweren Wochen. Der erhoffte Ansturm der Kunden nach Wiedereröffnung der Ladengeschäfte ist in weiten Teilen ausgeblieben. Allenfalls ist eine seichte Umsatzwelle zu bemerken.  Von einem signifikanten Nachholeffekt nach den Corona-bedingten Schließungen kann jedoch keinesfalls gesprochen werden. Dieser negative Effekt ist dort noch dramatischer, wo auch der Tourismus für Umsatzanteile sorgt, wo der Geschäftserfolg auf einem Umsatzmix beruht. Gerade bei Geschäften mit Innenstadtlage sind trotz Wiedereröffnung nach den Beschränkungen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum weiterhin Umsatzflauten zu bemerken. Von einer Kompensation kann also nicht gesprochen werden – Fehlanzeige, ganz im Gegenteil! Es ist ein weiter auflaufendes Umsatzminus zu verzeichnen.

Verunsicherte Kunden

Die Modebranche ist es seit jeher gewohnt, durch Rabatte potenzielle Käufer zu locken. Wohl deshalb sind nun auch in dieser Krise erste Rabattaktionen zu bemerken, obgleich noch gar kein regulärer Verkauf der Saisonware Frühjahr in den Geschäften möglich war. Nicht nur der Zeitpunkt, sondern auch die Höhe der Rabatte wirkt trügerisch. Man kann davon ausgehen, dass Händler, die vom ausgebliebenen Ansturm der Kundschaft enttäuscht sind, womöglich befürchten, in weiten Teilen auf ihrer Ware sitzen zu bleiben. Rabatte sind demnach als eine Art Kettenreaktion anzusehen. Inhaber weiterer Geschäfte in der Branche registrieren den Preisnachlass und müssen gleichziehen. Somit setzt sich eine Rabattspirale in Gang. Dies ist bereits eindeutig feststellbar. In normalen Zeiten würden sich die Kunden für diese Rabatte tatsächlich auch interessieren. Doch in Corona-Zeiten ist die Reaktion der Kundschaft erkennbar anders. Das Kaufverhalten hat sich im Vergleich zu den Vorjahren komplett verändert. Zunächst ist eine Zurückhaltung feststellbar. Diese macht sich in verschiedenen Ausprägungen bemerkbar und ist Folge einer Unsicherheit, die der eigenen Gesundheit beziehungsweise dem Wohl der Angehörigen gilt; aber auch einer Unsicherheit mit Blick auf den eigenen Arbeitsplatz und dem der Familienmitglieder. Es sind die vielen Meldungen in den Medien, die am laufenden Band sowohl medizinische als auch wirtschaftliche Probleme besprechen. In den letzten Tagen und Wochen jedoch, als die Lockerungen begannen, haben die Nachrichten zum Schaden der Wirtschaft die Meldungen von medizinisch bedingten Problemen mehr und mehr abgelöst. Aktuell hören wir weniger von Sterbefällen und Reproduktionsraten als vielmehr von Kurzarbeit, Entlassungen und Filialschließungen; oder dem Einbrechen des Steueraufkommens sowie weiteren, dringend erforderlichen Stützungs- und Entlastungsmaßnahmen für die Wirtschaft. Ferner erfährt der Verbraucher, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen über das Jahr 2020 hinaus bis in die Jahre 2021 und 2022 ausstrahlen werden.

Preisspirale nach unten

Das sind keine beruhigenden Meldungen, auf Basis derer sich mit Genuss Kaufentscheidungen treffen lassen. Die Verunsicherung der Kunden ist also eine natürliche Folge der Berichterstattung. Hinzu kommen persönliche Wahrnehmungen, etwa vom eigenen Arbeitsplatz oder dem der Familienangehörigen sowie aus dem Freundes- und Bekanntenkreis. Wohl nur die allerwenigsten Menschen können zudem abschätzen, wie es Corona-bedingt in Deutschland und Europa in den nächsten zwölf bis 24 Monaten weitergehen wird. Und auf ein Einkauferlebnis mit Maske können die meisten Kunden auch eher verzichten. Auf dieses Stimmungsbild treffen nun die Rabattaktionen der Modehändler. Der Kunde soll in überschwänglicher Kauflaune sofort loslaufen. Doch der kann bzw. will nicht. Der Händler wiederum sieht sich in Folge dessen erneut gefordert, noch weitere und höhere Rabatte anzubieten, da er fürchtet, auf seiner Ware doch noch sitzen zu bleiben. Daraufhin folgen weitere Rabattaktionen, denen seine Mitbewerber ebenfalls folgen müssen. Die Kunden nehmen sodann wahr, dass hier etwas verkauft werden soll, dass wohl keiner mehr haben will. Der Kunde gewinnt zudem die Überzeugung, dass genug Ware vorhanden und es doch sinnvoll sein könnte, weitere Rabatte abzuwarten. Der Händler folgt verzweifelt diesem Weg und ist am Ende nur noch froh, die Ware zu irgendeinem halbwegs noch erträglichen Preis absetzen zu können. In der Wirtschaftsökonomie wird diese Preisspirale nach unten als Deflation bezeichnet. Eine fatale Wirkung, der nur durch eine zurückhaltende Rabattpolitik der Branche zu begegnen wäre.  

Pool-Lösungen

Die Umsatzprobleme bestehen in dieser Krise längerfristig, also auch saisonübergreifend. Daher müssen die Händler Neubestellungen überdenken. Wünschenswert sind flexible Abnahmemengen, die sich auf die tatsächlichen Bedarfsgrößen, zumindest in groben Bereichen, anpassen lassen. Die Hersteller werden mit derartigen Anfragen massiv konfrontiert. Auch sie werden, da die Herstellung lange im Voraus und zumeist in Asien erfolgt, ein Abrufmodell mit den eigentlichen Produzenten entwickeln müssen. Insoweit gibt es erste Erfolge mit sogenannten Pool-Lösungen, bei denen die produzierte Ware von demjenigen abgerufen wird, der als erstes konkreten Bedarf meldet. Die Ware wird nur in reduzierter Menge zur Produktion vorgesehen. Die Händler nehmen bewusst in Kauf, dass einzelne Produkte im Internetstore oder im stationären Handelsgeschäft auch ausverkauft sein werden. Das ist aber in jedem Fall besser, als auf unverkäuflicher Ware als Abnehmer sitzen zu bleiben. So verteilt sich der Verlust auf Händler und Produzent. Reicht in diesem Zusammenhang die Pool-Menge aus, um die Produktionskapazitäten als Ganzes zu erhalten, wenn auch mit wirtschaftlichem Verlust, kann bei einer Normalisierung der Nachfrage die ursprüngliche Leistungsskala wiedererlangt werden. Im Ergebnis aber wird es bei den Händlern, den Produzenten und den Mitarbeitern in Kurzarbeit zu Verlusten im Vergleich zum Vorjahr kommen. Diese Verluste muss jeder Betroffene entweder mit seiner eigenen Kapitaldecke kompensieren (Auszehrung von Reserven) oder wird gezwungen sein, sich über die Kreditwirtschaft Liquidität in Form einer Verschuldung zu verschaffen, um die entstandenen Verluste gegenzufinanzieren. Die Rolle der Banken ist daher von zentraler Bedeutung.

Schockwellen für das Wirtschaftssystem

Auch ein nur geringfügig reduziertes Konsumentenverhalten sendet bereits Schockwellen in das Wirtschaftssystem aus. Diese Wellen werden von den Betroffenen zu ihren jeweiligen Geschäftspartnern übertragen. Händler mit geringem Umsatz reduzieren das Gehalt ihrer Mitarbeiter, reduzieren zudem, soweit möglich, die Miete für ihre Geschäftsräume und kaufen weniger ein. Und die Geschäftspartner der Händler verspüren durch die sie selbst betreffenden Maßnahmen ihrerseits den Druck, sich mit der negativen Situation arrangieren zu müssen. Sie geben daher in gleichem Maße den Druck weiter. Der Kunde hält sich, ob der schlechten Nachrichten, seinerseits beim Kauf auch zurück. Genau so entsteht ein negativer Zyklus, der mit geringen Umsatzerlösen startet, um eine wirtschaftliche Spirale nach unten auszulösen. Alle Beteiligten am Wirtschaftsleben bestätigen daraufhin: Wir haben eine Krise. 

Kredite zum Ausgleich von Verlusten

Wie bereitwillig Banken Kredite auf eigenes Risiko zu gewähren, um entstandene Verluste auszugleichen, lässt sich bereits abschätzen. Fazit: Zumindest zurückhaltend. Vor diesem Hintergrund gilt es, für Entlastung zu sorgen, und zwar über die Wege, die bereits angelaufen sind, wie etwa die Hilfen der staatlichen Förderbanken KfW oder LfA. Im Ergebnis muss der Staat den betroffenen Firmen zur Seite stehen, um die entstandenen und noch entstehenden Verluste aufzufangen. Der staatlichen Kreditwirtschaft kommt daher die wichtige Aufgabe zu, die voranstehend skizzierten Schockwellen abzufangen und durch ausreichende Liquiditätsversorgung den Wirtschaftskreislauf aufrechtzuerhalten. Dies ist eine unabdingbare Voraussetzung, um die Auswirkungen der Krise abzumildern.  

Staatsverschuldung

Der Staat kann diese Aufgabe erfüllen, basierend auf den von der Volkswirtschaft generierten Steuereinnahmen, indem er sich selbst verschuldet. Das geschieht entweder durch öffentliche Anleihen, die von (Privat)Investoren erworben werden, oder insbesondere durch Kredite bei der Europäischen Zentralbank (EZB). Diese Kredite sind wiederum durch die Staatseinnahmen, gespeist aus dem Steueraufkommen, über die Laufzeiten hinweg zu tilgen. Die derzeitige Staatsverschuldung wird – gemessen am Bruttosozialprodukt (BSP) – von zuvor rund 60 Prozent auf circa 80 Prozent steigen. Dieser Grad an Verschuldung ist aus den 1990er und 2000er Jahren bereits bekannt. Die aktuellen Corona-Auswirkungen werden zusätzliche Staatsausgaben für die vielfältigen Kompensationsmaßnahmen zur Folge haben. Zudem wird es auch zu steuerlichen Mindereinnahmen kommen. Die gesamtwirtschaftliche Auswirkung der Pandemie hat derzeit, laut einer Berechnung der Deutschen Bank, ein Volumen erlangt, das dem Aufwand gleichkommt, den seinerzeit die deutsche Wiedervereinigung mit dem Aufbauprojekt Ost erforderte. Diese Aufgabe konnte Deutschland seinerzeit durch einen entsprechend günstigen Konjunkturverlauf sowie eine Laufzeitstreckung der Finanzierung auf mehr als 20 Jahren meistern. Anderseits werden auch den übrigen Ländern Europas beziehungsweise auf der ganzen Welt nun ähnliche Bürden auferlegt. Sind diese ebenfalls zu einer solch nachhaltigen Finanzierung und Bewältigung der Krise fähig? Das bleibt abzuwarten. Internationale Währungsinstitutionen, wie etwa der Internationale Währungsfonds (IWF), werden dabei eine maßgebliche Rolle einnehmen müssen, um die Probleme schwächerer Länder abzufedern. Hierfür ist jedoch eine weltweite Solidarität der Leistungsfähigen erforderlich.

Wettlauf gegen die Zeit

Können wir die aktuellen Pandemiefolgen hierzulande meistern? Voraussichtlich ja. Die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft sind stark. Die Krise trifft uns in einer durchaus gestärkten Phase. Auch in Deutschland wird sie aber nur durch die Solidarität der Leistungsfähigen zu bewältigen sein, um die zusätzlichen Belastungen rechtzeitig abzutragen. Denn der Staat sollte nachhaltig handlungsfähig bleiben. Bedeutet das zwangsläufig höhere Steuern? Und warum sollte dieser Weg gerade jetzt der richtige sein? Begründet wird dies damit, dass sich auch Deutschland eine oder gar mehrere weitere Lockdown-Maßnahmen hintereinander nicht wird leisten können. Damit würde es auch hierzulande sicher zunehmend problematischer. Die Handlungsfähigkeit durch eine ausreichende Liquiditätssicherung ist Grundlage dafür, die Wirtschaft am Leben zu erhalten. Dabei ist die Rolle des Staats von ganz zentraler Bedeutung. Daher wird es entscheidend darauf ankommen, ob wir in den nächsten zwölf bis achtzehn Monaten entweder eine Eindämmung der Pandemie erreichen können, etwa durch taugliche Impf- oder zumindest Therapiestoffe, oder weitere Lockdown-Maßnahmen hinnehmen müssen, die zu einer erneuten Schwächung der Wirtschaft, weiteren Steuerausfällen und Schulden führen werden.

Fazit und Ausblick

Die weitere Steuergestaltung in Deutschland ist von zwei Faktoren abhängig. Zum einen von den nationalen Entwicklungen hierzulande und zum anderen von der Solidarität in der Europäischen Union. Denn die Frage nach dem Ausmaß der Nothilfe, um das Überleben einzelner europäischer Nachbarn zu gewährleisten, darf nicht unterschätzt werden. Insoweit wird es entscheidend darauf ankommen, ob nach Covid-19, ein Covid-20 oder -21 folgen und erneute Phasen der Impfstoffentwicklung mit parallelen Schutz- und Eindämmungsmaßnahmen mit sich bringen. Wir alle, insbesondere aber wir Steuerberater, können durch eine überlegte betriebswirtschaftliche Beratung unseren Mandanten helfen. In dieser immer unübersichtlicher werdenden Lage müssen wir die voranstehend skizzierten Erkenntnisse in Grundzügen verständlich machen, um die jeweils richtigen Maßnahmen und Schlussfolgerungen platzieren zu können. Wie sollte man sich als Unternehmer jetzt verhalten? Wie gehe ich als Unternehmer auf meine Geschäftspartner beziehungsweise Vermieter zu, etwa um die richtigen Schlüsse aus den eher negativen Wirtschaftsmeldungen zu ziehen beziehungsweise neue Regelungen für eine umsatzabhängige Miete zu verhandeln. Über die Risiken und Nebenwirkungen des Lockdowns für den Einzelhandel sowie die daraus entstehende Gefahr für die wichtige Binnennachfrage ist der steuerliche Berater einer der besten Sparringspartner für die Unternehmen in dieser besonderen Situation.

Bild: Geschäft Vektor erstellt von freepik – de.freepik.com

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Zum Autor

Markus Wohlleber

Steuerberater, Dipl.-Betriebs­wirt (FH), Bank­kauf­mann, Fach­be­rater für San­ie­rung und In­sol­venz­ver­wal­tung (DStV) in der Steuer­be­ra­tungs­kanzlei Wohl­leber in Nürn­berg, Haß­furt und Frankfurt/M.

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