Begleitung bei der Nachfolge - 25. August 2022

Mehrdimensional beraten

Die Beratung im Zuge einer Unternehmensübertragung ist für den steuerlichen Berater ein Mitwirken auf hohem Niveau. Die Unterstützung sollte sich aber nicht nur auf die technische und zeitliche Umsetzung beschränken, sondern auch private Aspekte sowie die Zeit danach berücksichtigen.

Das Unternehmertum kann einem Menschen auf seinem Weg des Lebens viel Freude bereiten. Oft sind dabei steile Hürden zu überwinden, die den Lebensweg des unternehme­risch tätigen Menschen zeichnen. Vieles muss erarbeitet, be­dacht oder riskiert werden, aber es sind auch Dinge zu genie­ßen, wie etwa die Freiheit des selbstbestimmten Wirkens. Die menschliche unternehmerische Intention – mit Fokus auf ei­nen nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg – konzentriert sich regelmäßig intensiv auf das eigene unternehmerische Han­deln. Doch wohin führt einen diese Intention? Welche Wegge­fährten begleiten sie? Das sind Gedanken, die sich auch au­ßerhalb der reinen volks- beziehungsweise betriebswirtschaft­lichen Ebene wiederfinden und eine strategisch psychologi­sche Gedankenebene einbringen. Solche simpel zu formulierenden Fragen treffen häufig auf sehr starke emotio­nale Barrieren und verlieren sich oft wieder im Unternehmen­salltag. Ebenso verlieren können sich auch so manche Anreize anwaltlicher oder steuerlicher Beraterinnen oder Berater, die in diesem Stadium involviert sind. Die Bedeutung und Tragweite entsprechender Ansätze wird dem handelnden Unter­nehmer häufig erst dann be­wusst, wenn er – bildlich ge­sprochen – auf seinem Weg in Richtung eines steilen Bergs ur­plötzlich bemerkt, dass er seinen Wegbegleiter mit dem Siche­rungsseil verloren hat.

Andere Gedanken zulassen

Bei der Definition einer konkreten und nachhaltigen Unter­nehmensnachfolge muss man also nicht nur fähig sein, den ei­genen ökonomischen Standpunkt zu reflektieren, sondern auch Gedanken zuzulassen, die den eigenen Weg in andere, zum Unternehmen konträre Richtungen lenken können. Viele Menschen können in dieser Phase eventuell bestehende und bereits bekannte Ängste nicht äußern beziehungsweise artiku­lieren, da sie etwa den Fall in ein schwarzes Loch, die damit verbundenen Veränderungen oder auch einen Autoritätsver­lust in der Familie fürchten.

Mehrdimensionale Sichtweise

Derartigen Ängsten kann ein Berater aktiv entgegentreten, in­dem er den Mandanten im Zuge seiner nachhaltigen Beglei­tung als Sparringspartner zu einer mehrdimensionalen und objektiven Sichtweise verhilft. Mehrdimensional bedeutet hier, dass trotz nachhaltiger, laufender Erfolge auch die Übergabe beziehungsweise Nachfolge zumindest hypothetisch bedacht werden sollte. Nicht zwingend muss dies aus der Perspektive eines Adlers erfolgen, es sollten aber zumindest alle subjekti­ven Parameter ebenfalls plakativ aufgezeigt werden. Solche Hintergründe können bei einer mehrdimensionalen Betrach­tung beispielsweise die eigene Gesundheit oder Aspekte der Familie sein, die in Mitleidenschaft gezogen wird, aber auch der Zukauf eines anderen Unternehmens aus strategischen Gründen sowie die Einbindung eines designierten Nachfol­gers. Es kommt also nicht nur darauf an, dass die wirtschaftli­chen Kennzahlen stimmen und die Unternehmensstrukturen interessant beziehungsweise schlank bleiben, sondern der Un­ternehmer auch bereit ist, sich emotional und gedanklich zu öffnen.

Konzeptionelle Planung

Folglich sollten sowohl die Bedürfnisse des unternehmerisch aktiven Menschen als auch des Unternehmens selbst beachtet und überdacht werden, sobald man eine konkretes Konzept er­arbeitet, um bei der Entscheidungsfindung und Wegbeglei­tung zur Unternehmensnachfolge zu unterstützen. Insbeson­dere bei inhabergeführten Unternehmen erfordert die Erarbei­tung eines konkreten Konzepts umfangreiche Vorbereitungen, da die Strukturen häufig durch den Unternehmer geprägt sind und eine physische und wirtschaftliche Sphärentrennung manchmal nur teilweise erreicht werden kann. Gedanklich be­trachtet ist hier ein einheitlicher ökonomischer Organismus zu öffnen und zu segmentieren. Der Aufwand, eine derart trans­parente Perspektive herzustellen, ist insbesondere bei Famili­enunternehmen sehr komplex, da die Verzahnung von Struk­turen und Netzwerken über Jahrzehnte gewachsen sein kann. Ebenso sollte der zeitliche Rahmen gut bedacht sein, da ent­sprechende Handlungsmaßnahmen ein ausreichendes Zeit­fenster voraussetzen. Ob es ein allgemeingültiges zeitliches Maß gibt, sei dahingestellt, aber eine gleitende und smarte Übertragung des Unternehmens sowie die Ausgestaltung der privaten Sphäre kann gut und gerne einige Jahre in Anspruch nehmen. Umso wichtiger ist es, die bewusste Auseinanderset­zung mit dem Thema nicht erst anzustoßen, wenn der Ball am Elfmeterpunkt liegt, also die Chancen und Risiken bedenklich nah beieinander liegen. Langfristige Investitionen an einem Standort etwa sollten gut überdacht sein, sofern die Nachfolge dort unattraktiv erscheint. Es kann sich um eine hervorragen­de, ertragsstarke Schreinerei handeln, die ans Wohnhaus an­gegliedert ist, aber deren Verflechtung in die Privatsphäre zu groß ist, oder es ist eine ertragsstarke Privatarztpraxis zu über­geben, die wegen ihrer schlechten Verkehrsanbindung unat­traktiv wirkt. In beiden Fällen sollte der Berater einen Ansatz finden, um in einer mehrdimensionalen Betrachtung den rich­tigen Weg zu forcieren, etwa, indem der Ausbau der Schreine­rei an einem entkoppelten Standort stattfindet oder die Arzt­praxis in eine gut angeschlossene Immobilie umsiedelt, die von der fortführenden Person übernommen werden kann. Eventuell wird diese neue Immobilie sogar noch Teil eines Konzepts zur Altersvorsorge, indem die Immobilie langfristig und gut vermietet werden kann.

Die Zeit danach

Jedoch geht es nicht nur darum, die Nachfolge und deren Umsetzung zu definieren. Neben den sachlichen Zielen des abgebenden Menschen gibt es auch die Dimension, sich über den weiteren Lebensweg Gedanken zu machen. Denn nach­dem die Übergabe erfolgt ist, bei der oft auch ein persönli­ches Lebenswerk übertragen wurde, spürt der ehemalige Un­ternehmer häufig eine drastische Veränderung seiner Le­benskultur, vor allem dann, wenn es sich um eine Übertra­gung beziehungsweise Veräußerung jenseits der eigenen Familie handelte. Aufgrund dieses harten Einschnitts kann es durchaus hilfreich sein, im Vorfeld der Nachfolgeplanung be­ziehungsweise während der mentalen Vorbereitung darauf, eine neue, attraktive Betätigung zu definieren, die nach der Übergabe gelebt werden soll. Auch dafür sollte man ein gro­ßes Zeitfenster einplanen. Viele Unternehmer betätigen sich aber gerne auch weiterhin – dann unterstützend und in ei­nem klar definierten Rahmen – im übertragenen Unterneh­men. Hier hat der ehemalige Inhaber noch nicht die Erkennt­nis gewonnen, dass ein neues Engagement in privater oder einer anderen beruflichen Sphäre durchaus sehr beflügeln kann. Die Vielfalt der Möglichkeiten ist groß und ebenso die Herausforderung, diesen Weg zu gehen. Umso bedeutsamer ist es, sich intensiv mit der eigenen Perspektive zu beschäfti­gen und in seinem Berater einen unterstützenden Partner zu sehen, vor allem, wenn geplant ist, eine neue, kleinere oder andere Unternehmung aufzubauen.

Fazit

Eine Unternehmensnachfolge bedarf also – unabhängig von der wirtschaftlichen und rechtlichen Ausgestaltung – einer mehrdimensionalen Sichtweise. Nur so lassen sich alle Chan­cen und Risiken erkennen sowie die Notwendigkeiten hinsicht­lich der technischen und zeitlichen Umsetzung. Die Beratung im Zuge einer Unternehmensnachfolge ist ein Mitwirken auf hohem Niveau. Die Begleitung des Mandanten verlangt dem involvierten Berater viel ab, kann ihm aber auch ein hervorra­gendes Branding verleihen. Daher ist dem gestaltend beraten­den Steuer- beziehungsweise Rechtsberater zu empfehlen, sich einer mehrdimensionalen Sichtweise zu öffnen. Anders als bei der retrospektiven Deklarationsleistung bedarf der Mandant hier einer zukunftsweisenden sowie ganzheitlichen Nachfolge­beratung im rechtlichen und wirtschaftlichen Kontext.

Zum Autor

WVB
Wolfgang von Basum

Steuerberater, M. A. Betriebswirtschaftslehre und Taxation und Gesellschafter-Geschäftsführer bei der WIVOBA Tax GmbH in Haßfurt

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