Digitalisierung im Mittelstand - 24. Februar 2020

Licht und Schatten

Auf dem Weg zur Industrie 4.0 liegen die Herausforderungen und Chancen für die Unternehmen eng beieinander. Neben dem notwendigen Bürokratieabbau wäre eine Modernisierung der Registerlandschaft mehr als hilfreich.

Erfolgreiche Mittelständler sind bekannt dafür, sich über Generationen hinweg immer wieder neu zu erfinden. Sie kennen ihre Kompetenzen und bringen diese stetig entlang von Kundenwünschen und technologischen Möglichkeiten in immer neue Zusammenhänge und Lösungsansätze. Zwar mag ein Unternehmen auf über 150 Jahre Geschichte zurückblicken, aber trotz gleichen Namens – und im besten Fall stabiler Gesellschafterfamilie – ist es über die Zeit sicher nicht dasselbe geblieben. Zu denken ist beispielhaft an einen Mittelständler, der im frühen 19. Jahrhundert erst feine Stähle für Krinolinen, also Reifröcke, entwickelt, im 20. Jahrhundert dann eine breite Palette sehr spezifischer Bauteile für Automobile liefert und nun, Anfang des 21. Jahrhunderts, innovative Elektrodrähte für den Antrieb in Windrädern bietet. Diese besondere Fähigkeit zu Weitblick und Veränderung bleibt auch im Kontext der Digitalisierung gefragt.

Sich nicht in einzelnen Projekten verzetteln

Die Digitalisierung ermöglicht und erfordert tiefgehende Veränderungen in Unternehmen aller Größen, Branchen und Regionen. Auch im Mittelstand stehen Geschäftsmodelle, Prozesse und Produkte auf dem Prüfstand. Eine 
konkrete Aufgabe ist es, unter der Bedingung hoher technischer und finanzieller Unsicherheiten zukunftsfeste Konzepte aus einem Guss zu entwickeln. Es hilft nicht, sich in einzelnen Projekten zu verzetteln. Das ist eine reale Gefahr, denn die Fragestellung ist doch ziemlich komplex und unübersichtlich. Es braucht den einen großen Plan, um den Einsatz digitaler Technologien und digitaler Kompetenzen im Unternehmen eher kurzfristig und oft ohne 
Berücksichtigung von Ersatz- und Routineinvestitionen zu verbessern und zu 
erweitern. Es gilt, technologische Projekte bei Hardware, Software, IT-Sicherheit, Website, IT-Bezugsformen und Verknüpfung von Prozessen umzusetzen. Und nicht zuletzt müssen Kompetenzen im Unternehmen und in der Belegschaft stetig weiterent­wickelt werden durch IT-Weiterbildung, IT-Beratung, Reorganisation von Abläufen, Konzepten für Internetmarketing und -vertrieb. Kein Wunder also, dass auch hart gesottene Familienunternehmen erst einmal zurückschrecken, um dann die Herausforderungen zu sortieren und Lösungswege zu priorisieren.

Mangelhafte digitale Infrastruktur

Belastbare Umfragen zeigen immer wieder ähnliche Digitalisierungshemmnisse in Unternehmen auf. Genannt werden unzureichende digitale Kompetenzen der Mitarbeiter, viel zu wenige verfügbare IT-Spezialisten auf dem Arbeitsmarkt, Sicherheitsfragen beziehungsweise Sorge vor 
Cyberkriminalität, schwierige Finanzierung und Unsicherheit über künftige digitale Standards. Dazu kommt noch die eher kulturelle Herausforderung, dass es auch im Mittelstand durchaus Widerstand gegen jede Form von Veränderung geben kann.

Es braucht viel mehr Verbindungen, die Datenflüsse in notwendigem Volumen und angemessener Geschwindigkeit ermöglichen.

Ganz weit oben als Digitalisierungshemmnis im Mittelstand steht aber die mangelhafte digitale Infrastruktur – besonders in ländlichen Regionen. Es besteht enormer Nach- und Aufholbedarf an Investitionen – auch von öffentlicher Hand – in flächendeckend leistungsfähige Netze für Internet und Mobilfunk. Es braucht viel mehr Verbindungen, die Datenflüsse in notwendigem Volumen und angemessener Geschwindigkeit ermöglichen. Zu Recht adressiert die Mittelstandsstrategie von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier von Anfang Oktober 2019 dieses Defizit. Eine leistungsfähige digitale Infrastruktur ist nicht die alleinige Lösung, allerdings eine unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Digitalisierung.

Digitaler Mittelstand ist weit verbreitet

Gern diskutiert wird, wie weit nun eigentlich die Digitalisierung im Mittelstand angekommen ist. Das Lagebild ist naturgemäß so bunt wie die Unternehmenslandschaft insgesamt. Einen ersten Eindruck vermittelt es, Unternehmen entlang unterschiedlicher Digitalisierungsgrade einzuteilen. Demnach gehört etwa ein Fünftel der Unternehmen zu den Vorreitern. Etwa die Hälfte der Unternehmen liegt im digitalen Mittelfeld und rund ein Drittel gehört zu den Nachzüglern. Aus rein technischer Perspektive ist festzuhalten, dass bereits jede vierte Maschine in Deutschland mit dem Internet verbunden ist, mehr als jedes zweite Unternehmen nutzt Industrie-4.0-Anwendungen.

Im Ergebnis führen teilweise erhebliche Produktivitäts- und Effizienzsteigerungen zu signifikanten Veränderungen in Lieferketten, Planungs-, Produktions- und Wartungsabläufen. Auch in diesen Trends liegen für den Mittelstand Herausforderung und Chance eng beieinander. Gerade Mittelständler, die in flexiblen, innovativen Wertschöpfungsverbünden auch mit großen Unternehmen arbeiten, treiben digitale Lösungen aktiv voran. Sie kommunizieren digital mit Zulieferern und Kunden, um möglichst effektive Prozesse über Unternehmensgrenzen hinweg und im Netzwerk zu etablieren. Sie fahren digital gesteuerte Prozesse, um hohe Qualitätsstandards kontinuierlich zu sichern und immer neue Effizienzen zu heben. Sie sichern auch über Prozessinnovationen ihre Rolle im Wertschöpfungsverbund und nicht zuletzt ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Digitale staatliche Verwaltung – Fehlanzeige

Umso mehr irritiert digitale Mittelständler, dass von digitaler staatlicher Verwaltung bislang nur sehr wenig zu sehen und vor allem spürbar zu erleben ist. Dabei würde eine entschlossen digitalisierte Verwaltung eine klare Signalwirkung haben für den notwendigen Bürokratieabbau. Höchste Zeit ist es, die Potenziale des Online-Zugangsgesetzes für Unternehmen, Bürger und Verwaltung endlich zu heben. Der einfache Klick muss den mühsamen Gang aufs Amt baldmöglichst ersetzen. Insgesamt gibt es mehr als 200 öffentliche Register in Deutschland, etwa das Gewerbe- oder das Steuerregister. Würden sie einmal konsolidiert, konsequent modernisiert und stringent digitalisiert, könnten Unternehmen jährlich einen Erfüllungsaufwand von einer Milliarde Euro einsparen. Noch dazu würde E-Government die öffentliche Verwaltung effizienter und kundenfreundlicher machen. Im Digitalindex 2019 der 
EU-Kommission liegt Deutschland auf Platz 22, weit hinter den EU-Spitzenreitern Finnland, Estland und Dänemark. Dabei sind die technischen Voraussetzungen und rechtlichen Grundlagen für eine spürbar positive Entwicklung in der digitalen Verwaltung vorhanden. Was es jetzt noch braucht, sind bundesweit einheitliche Ziele und Standards, koordinierte Ministerien auf allen Ebenen und der Wille aller beteiligten Institutionen, Deutschland zum funktionierenden E-Government-Staat zu entwickeln.

Schnarchland Deutschland?

Den fehlenden Willen zur Veränderung in der Wirtschaft wie bei der öffentlichen Hand hat BDI-Präsident Dieter Kempf im Blick, wenn er vor einem „Schnarchland“ warnt, das Deutschland geworden sei. Einem Standort, der sich auf dem erreichten Wohlstand von zehn Jahren Hochkonjunktur ausruhe, wo sich Verantwortliche hinter Genehmigungsprozeduren verschanzten, die tatsächlich immer umfassender würden. Einem Land, das gerade mittelständische Familienunternehmen mit einer Fülle einschränkender und behindernder Vorschriften überziehe, die sie vom eigentlichen Geschäft abhalten. Das Ergebnis beschreibt Dieter Kempf als Lähmung und Stillstand. Mit dem Fokus auf die digitale Verwaltung hat er ganz anderes im Sinn, wie er jüngst in einem Interview sagte: „Zum Beispiel könnten Prozesse und Verfahrensabläufe in Behörden gerade durch die Digitalisierung schlanker und schneller werden. Dazu noch klare Schnittstellen zu Unternehmen für unkomplizierten Datenaustausch. An Ideen herrscht kein Mangel. Mir scheint, es fehlt ein echter Wille. Das ist auch eine Frage der Prioritäten. Es darf doch nicht so sein, dass es bequemer ist, alles zu diskutieren und darüber einzudösen, als voranzugehen.“

Eine Stärke des Mittelstands

Vorangehen! Genau das ist eine Stärke im Mittelstand, der die Ärmel hochkrempelt, reiflich überlegt und langfristig denkt, an Chancen arbeitet und im Wettbewerb stets Neues sucht. Unternehmer wissen genau: Wenn das nicht gelingt, sind wir gemeinsam mit unserer Belegschaft ganz schnell aus dem Rennen. Diese Mentalität zeichnet den Mittelstand aus und hat ihn groß ­gemacht. Ob eigenständig aktiv oder eingebunden in leistungsfähige, branchenübergreifende Wertschöpfungsverbünde: Der Mittelstand mit seinen vielen Familienunternehmen bietet innovative Systeme, vielseitige Produkte und passende Dienstleistungen. Lösungen, die weltweit nachgefragt und meist in Deutschland erdacht, entwickelt und zuerst eingesetzt ­werden.

Ausblick

Schaffer, Tüftler und Visionäre prägen den Mittelstand und die Familienunternehmen in Deutschland. Sie weisen mit Unternehmergeist, Erfinderlust, Zuverlässigkeit, Geduld, Disziplin und Augenmaß den Weg nach vorn. Es sind Unternehmer mit langfristiger Perspektive, die nachhaltige Lösungen suchen und gesellschaftliches Engagement am jeweiligen Standort zeigen. Sie entwickeln Geschäftsmodelle, Betriebe und Beschäftigte stetig fort und leisten damit wichtige wirtschaftliche, soziale sowie gesellschaftliche Beiträge für die Zukunft ihrer Region beziehungsweise des ganzen Landes. Das gilt auch für die Digitalisierung. 

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Zum Autor

FW
Fabian Wehnert

Abteilungsleiter Mittelstand und Familienunternehmen beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in Berlin.

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