Zehn Jahre Berlin - 15. Oktober 2019

Kein Porzellan zerschlagen

Erst Nürnberg, dann Brüssel, dann Berlin. Die Ge­nos­sen­schaft hat sich vorsichtig an die politische Bühne heran­ge­tastet. Porzellan zer­schlagen un­er­wünscht, Netz­werken dagegen sehr wohl. Torsten Wunderlich leitet das In­for­ma­tions­büro Berlin und wirft einen Blick zurück auf zehn Jahre Tages­ge­schäft in der Lobby­arbeit.

Montagmorgen, 9.30 Uhr. Erste Regel: Die Arbeitstage beginnen in Berlin eher später, was vor allem an den zahl­rei­chen Abendveranstaltungen liegt. Gestern bei­spiels­weise der politische Abend des Bitkom-Verbands – eine der Kandidatinnen für den SPD-Vorsitz näher kennengelernt. Kontakte knüpfen ist beim Netzwerken nie verkehrt. Zweite Regel: Mit dem Dienstwagen zu Abend­ver­an­stal­tun­gen fahren, um wirklich nur Alkoholfreies zu trinken. Jetzt blinkt schon hektisch der Anrufbeantworter. Mittel­stands­ver­bund, DIHK – und mein Chef auf der Mailbox. Also erst mal telefonieren, bevor um 10 Uhr der erste Termin im Kalender steht: Videokonferenz mit den Kollegen in Brüssel und Nürnberg zum EU-Cloud-Projekt Gaia-X. Das wird offenbar eine ganz große Sache, bei der Berlin und Brüssel sich eng abstimmen müssen – und Nürnberg braucht eine Ent­schei­dungs­vor­be­reitung.
Gegen 11 Uhr gemeinsamer Kaffee mit dem Kollegen Jens Bizan. Wir besprechen, was heute ansteht und wer was übernimmt. Und wer geht eigentlich morgen zur Ver­an­stal­tung der Bundes­steuer­be­ra­ter­kammer? Vor dem Mit­tag­essen schnell noch eine Stunde an Textentwürfen arbeiten für die Nürn­ber­ger Kollegen vom DATEV magazin – zum zehnjährigen Jubiläum des In­for­ma­tions­büros Berlin hätte man gern die Beschreibung eines typischen Tags – im Berliner Alltag, in dem doch irgendwie kein Tag wie der andere ist.

Arbeitskreise im Bundestag

Um 12.30 Uhr steht ein Mittagessen in den Nordischen Botschaften an. Wir sind verabredet mit der Di­gi­ta­li­sie­rungs­be­auf­tragten des dänischen Botschafters und wollen im Gespräch erfahren, was hat Dänemark im E-Government getan, dass es einfach funktioniert. Umgekehrt will die Dänin verstehen, warum wir uns in Deutschland so schwertun. Das wird ein spannender Austausch.
Am frühen Nachmittag ruft der DIHK an, uns wird ein Platz für den Besuch beim Normen­kon­troll­rat im Kanzleramt angeboten. Gemeinsam überlegen wir, welche Themen geeignet sind, entscheiden uns für die E-Rechnung und weitere, leider nicht greifende Ent­bü­ro­kra­ti­sie­rungs­be­mü­hungen, die nach­fol­gend im Jahresbericht des Normen­kon­troll­rats landen.
14.30 Uhr: Ein Großkunde bekommt in Nürnberg ein Executive Briefing und verlangt nach einen Bericht aus Berlin. Wir wählen Themen aus, der Kollege ergänzt vorhandene Folien. Reiseplanung und Reisebuchung.
Noch zwei Stunden bis zum Wirtschaftsbeirat der Bundes­tags­frak­tion von Bündnis 90/Die Grünen. Wir müssen entscheiden, was wir zum Thema Platt­form­öko­nomie einbringen wollen. Wir dis­ku­tieren und formulieren ein Skript. Anschließend muss noch der Bitkom-Arbeits­kreis Sicher­heits­politik vorbereitet werden, den wir seit vier Jahren leiten. Agenda und Themen­schwer­punkte stimmen wir mit der Bitkom-Referentin ab und teilen uns die To-dos auf.
Gegen 17 Uhr fahren wir zum Bundestag, wo eine halbe Stunde später der Wirtschaftsbeirat der Grünen beginnt. Der frühere Außenminister Joschka Fischer hält einen Keynote-Vortrag zu euro­pä­ischer Wirtschaftspolitik, danach geht es in vier Arbeitsgruppen weiter. Ergebnisse vor­stel­len, Zusammenfassung, kleiner Empfang mit Small Talk und Öko-Finger-Food. Um 20.30 Uhr dann ab nach Hause. Um die Zeit wird es schon schwierig mit einem Parkplatz in Wohnungs­nähe. Berliner Alltag eben.

DATEV im politischen Berlin

Zehn Jahre sind wir nun mit dem Informationsbüro Berlin für die DATEV in der Hauptstadt präsent. Der damalige DATEV-Vorstandsvorsitzende Dieter Kempf, heute BDI-Chef, mahnte beim Ent­sen­dungs­ge­spräch, im politischen Interessengewirr doch bitte kein Porzellan zu zerschlagen. Selbiges zu kitten, wäre schwierig bis unmöglich. Eine Maßgabe, die unseren Respekt vor der Aufgabe bis heute hochhält. Dazu gehört nicht nur, ein politisches Netzwerk zu etablieren, die DATEV in Berlin zu repräsentieren sowie Strategie und Ziele der Genossenschaft aktiv zu unter­stützen. Es geht auch darum, Themen frühzeitig aus der Politik abzuholen.
Manchmal geht sogar etwas mehr. So wie 2013 beim ersetzenden Scannen, das die Bundes­re­gie­rung fördern wollte. Wir übernahmen die Projektleitung und es kam zu einer weit beachteten juristischen Simulationsstudie in Nürnberg. Wir haben damit eine Be­wer­tungs­grund­lage für das Thema gelegt, das gerade wieder an Fahrt aufnimmt – Stichwort mobiles Scannen. Zugleich war dieses Projekt eine wichtige Erfahrung, wie aus politischen Zielsetzungen neue Dienste im Sinne der Genossenschaft geschaffen werden können – und auch, was dabei noch zu verbessern ist und was wir daraus lernen können. Denn wir haben viel vor, wichtige Regulierungen stehen unter anderem zur Platt­form­öko­nomie an.
Die Arbeit für DATEV im politischen Berlin: Das ist mehr als nur Haltungsmarketing. Wir haben uns vorsichtig an die Berliner Politik herangetastet, das Porzellan ist heil ge­blie­ben. Haltung heißt für uns, das Miteinander im ge­nos­sen­schaft­lichen Ökosystem und die gemeinsamen Ziele zu stärken – und Politik und deren Um­set­zungs­mög­lich­keiten für beide Seiten zu übersetzen.

Fotos: Sunny / Getty Images

Zur Autorin

Constanze Elter

Steuerjournalistin und Redakteurin beim DATEV magazin

Weitere Artikel von der Autorin