Brexit - 28. Januar 2021

Zeit für die Reset-Taste

Großbritannien hat endgültig die Europäische Union verlassen. Das sollte Anlass geben, darüber nachzudenken, wie die Gemeinschaft enger zusammenrücken und die großen Aufgaben, die vor uns liegen, gemeinsam bewältigen kann.

Donnerstag, der 31. Dezember 2020, 24:00 Uhr: Großbritannien ist aus der Europäischen Union getreten. Ausgeschieden ist das Königreich bereits zum 1. Februar 2020. So lange dauerte die Übergangsphase. Der befürchtete No Deal ist entfallen und somit konnte das Abkommen Spitz auf Knopf doch noch zum Jahreswechsel in Kraft treten. Die Folgen werden noch lange nachwirken.

Großbritannien ist für die EU – und damit auch für uns – Drittstaat. Mit allen rechtlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen, auch und gerade für den deutschen Mittelstand. Die Unternehmen und Behörden müssen sich rüsten. Auf beiden Seiten des Kanals.

Herausforderungen für einzelne Staaten zu groß

Aber gerade in den vergangenen Wochen und Monaten haben wir bewiesen, dass wir krisenerprobt sind. Eine schwierige Zeit liegt hinter uns. Die Pandemie hat uns aber ebenso gezeigt, dass in jeder Krise auch Chancen liegen. Der Brexit wird dafür sorgen, dass wir in der Europäischen Union an vielen Stellen noch enger zusammenrücken müssen. Unsere Probleme – und dazu zählt nicht nur die Corona-Krise – sind für jeden einzelnen europäischen Nationalstaat viel zu groß, als dass er sie alleine bewältigen könnte. Allen voran der Klimawandel: Die Folgen sind weltweit sichtbar, auch wenn die Debatte darüber, was zu tun ist und was eigentlich getan werden müsste, in den vergangenen Monaten von der Pandemie überlagert wurde. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir in der EU an einem Strang ziehen, den Green Deal in die Tat umsetzen – also das von der Kommission ausgerufene Ziel, bis zum Jahr 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu werden.

Diese generationenübergreifende Aufgabe können wir nicht auf nationalstaatlicher Ebene lösen – schon allein deshalb nicht, weil der Klimawandel uns alle betrifft. Und die Lösungen sind nicht immer leicht zu ertragen, denn sie verlangen Veränderungen, die auch Verzicht bedeuten. Dies können wir in Europa nur gemeinsam schultern.

Schritte zur digitalen Gemeinschaft?

Aber auch in anderen Bereichen bietet der Brexit eine Chance, die EU neu auszurichten: Angesichts des zunehmenden Tempos der Digitalisierung – ebenfalls durch die Pandemie getrieben – wäre es mehr als nur einen Gedanken wert, diese Aufgabe gemeinschaftlich anzugehen. GAIA-X ist ein weiterer Schritt. Zugleich sollten wir sicherstellen, dass Drittländer sich unseren europäischen Standards anpassen und diese nicht unterschreiten.

All das bietet Ansatzpunkte für einen Neustart Europas:

Neben dem Klimaschutz und der digitalen Souveränität ist hier auch die Neuausrichtung strategischer politischer Beziehungen zu nennen, beispielsweise zu China. Ein gemeinsames Handelsabkommen wurde zum Jahresende verabschiedet. Manch einer sah die Reset-Taste der Union bereits gedrückt: in dem Moment, als die EU-Mitgliedstaaten sich auf den Corona-Hilfsfonds und damit zum ersten Mal in der Geschichte auf die Aufnahme gemeinsamer Schulden verständigten. Bis heute wertet mancher Experte das als den sogenannten Hamiltonian-Moment, so bezeichnet nach dem US-Finanzminister Alexander Hamilton, der 1790 die Schulden der Einzelstaaten zu Bundesschulden machte. Es wäre der Beginn einer Eigenstaatlichkeit der EU, ein klarer Schritt in Richtung vereinigte Staaten von Europa.

Ob dies irgendwann tatsächlich als Startpunkt gesehen werden kann, können wir zum heutigen Zeitpunkt nicht beurteilen. Aber wir können dazu beitragen, dass die Europäische Union näher zusammenrückt und dadurch stärker wird: wenn wir nicht so sehr in kleinteiligen Debatten und Aktivitäten verharren, sondern bei allem das Große und Ganze im Blick haben. Dann wird dies irgendwann in der Retrospektive womöglich tatsächlich als historischer Moment eingeordnet.

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Zum Autor

Dr. Robert Mayr

Diplom-Kaufmann, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater
CEO der DATEV eG; Die Genossenschaft gehört zu den größten Softwarehäusern und IT-Dienstleistern in Deutschland.
Seine Themen: #DigitaleTransformation, #DigitalLeadership, #Plattformökonomie und #BusinessDevelopment.
Seine These: „Die digitale Transformation ist keine Frage des Könnens, sondern des Wollens“

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