Verwandlungsprozesse - 26. Januar 2017

Steh auf, nimm dein Bett und geh!

Jede Veränderung macht Angst. Es ist die Angst, das Neue nicht an­ge­messen be­wäl­tigen zu können, von jüngeren Mit­ar­beitern ab­ge­hängt zu werden, die sich mit neuen Tech­no­logien leichter tun. Wie können wir mit diesen Ängsten um­gehen, ohne uns von ihnen lähmen zu lassen?

Zunächst ist es wichtig, wie die Veränderung eingeführt wird. Ich selber liebe das Wort Ver­än­de­rung nicht sehr. Denn im Verändern steckt etwas Aggressives. Ich muss ein anderer Mensch werden. Alles in der Firma muss ganz anders werden. Wer mit diesem Anspruch in der Firma etwas verändern will, der braucht sich nicht zu wundern, dass er auf Widerstand stößt. Denn er ver­mit­telt den Mitarbeitern: Alles, was ihr bisher gemacht habt, war nicht gut. Es muss alles ganz anders werden. Die christliche Antwort auf Veränderung ist Verwandlung. Verwandlung ist sanfter. Ich würdige mich so, wie ich geworden bin. Es ist gut so, wie es ist. Aber ich bin noch nicht der oder die, die ich von meinem Wesen her sein könnte. Das gilt auch für Verwandlungsprozesse in einer Firma. Auch da sollte ich zuerst würdigen, was bisher war. Aber jede Firma muss sich auch wandeln, um lebendig bleiben zu können. Verwandlung heißt: Wir haben das Potenzial, das in uns steckt, noch nicht genügend ausgeschöpft. Wir möchten noch mehr hineinwachsen in unsere eigene Gestalt, in die Form, die unserer Firma entspricht.
Ein anderer Aspekt ist die Frage, wie ich persönlich auf Verwandlungsprozesse reagiere. Die Angst ist die erste Reaktion, die mehr oder weniger bei jedem auftritt, der mit solchen Neuerungen kon­frontiert wird, wie sie in der digitalen Transformation anstehen. Die Angst darf sein. Es ist gut, die Angst ernst zu nehmen und mit ihr ins Gespräch zu kommen. Zunächst soll ich die Angst klarer benennen: Wovor habe ich konkret Angst? Ist es die Angst, mich auf Neues einzulassen, das Vertraute zu lassen? Diese Angst wäre eine Einladung, Neues zu wagen. Wenn ich aktiv auf das Neue reagiere, geht es mir selbst besser. Es ist die Chance, daran zu wachsen. Oder ist es die Angst, nicht mehr so gut zu sein, überfordert zu werden durch die Neuerungen, schlechter ab­zu­schneiden als die jungen Mitarbeiter, denen ich vorgesetzt bin? Diese Angst fordert uns heraus, über konkrete Maßnahmen nachzudenken. Was könnte uns helfen, uns gut auf das Neue vor­zu­bereiten? Ich muss das Neue nicht sofort können. Es gibt ja die Möglichkeit, sich weiter­zu­bilden, stärker zu werden im Umgang mit den neuen Arbeitsabläufen.

Die Angst vor dem Neuen

Das Bett steht für alle Bedenken, für die Ängste, es nicht zu schaffen, für die vielen Überlegungen: Soll ich oder soll ich nicht?

Für die Führungskräfte, die neue Arbeitsweisen einführen, ist es wichtig, die Ängste der Mitarbeiter ernst zu nehmen, sie nicht mit oberflächlichen Appellen zu überspringen: Das ist nicht so schlimm. Das wird schon gut gehn. Genauso wenig hilfreich ist es, zu moralisieren: Es gehört einfach dazu, sich weiter­zu­bilden, sich auf die neue Zeit einzulassen. Du musst dich einfach darauf einlassen! Die Führungs­kräfte sollten sich Zeit nehmen, mit den Mitarbeitern über ihre Ängste zu sprechen. Nur wenn sich die Mitarbeiter mit ihren Ängsten ernst genommen fühlen, sind sie bereit, sich auf das Neue einzulassen. Indem ich als Führungskraft ihre Ängste anhöre, kann ich Fragen stellen: Was würde Ihnen helfen bei der Umsetzung der neuen Strategien? Was wünschen Sie sich für die Zukunft unserer Firma? Wenn ich die Mitarbeiter mit meinen Fragen ernst nehme, werden sie kaum antworten: Es soll alles beim Alten bleiben. Das deutsche Wort Frage kommt von Furche. Mit der Frage grabe ich eine Furche in den Seelenacker der Mitarbeiter. Dann wird der Acker auch offen für den Samen und eine neue Frucht kann auf ihm erblühen. Bei jeder Neuerung gibt es nicht nur die objektiven Bedenken, ob das Neue wirklich besser ist. Vielmehr tauchen alte Ängste auf. Eine Frau musste schon mit sieben Jahren für die Familie kochen, weil ihre Mutter immer kränklich war. Die Mutter war aber nie zufrieden mit dem, was die Tochter machte. Die Tochter fühlte sich ständig überfordert. Immer, wenn sie als erwachsene Frau mit neuen Aufgaben konfrontiert wird, meldet sich das überforderte Kind zu Wort. Sie hat Angst vor dem Neuen. Es könnte sie überfordern. Es ist dann wichtig, sich auf diese Angst einzulassen. Das wäre eine Chance für die Frau, sich mit ihrer eigenen Kindheit auszusöhnen und sich gleichzeitig zu dis­tan­zieren von den Lebensmustern, die das überforderte Kind in sie eingeprägt hat. Ich kenne viele Menschen, die bei jeder Neuerung reagieren mit: Das kann ich nicht. Das lerne ich nie. Das ist zu anstrengend für mich. Warum kann ich nicht so weiter arbeiten wie bisher? Wenn ich mit diesen Menschen spreche, fällt mir immer eine biblische Geschichte ein. Jesus fragt den Gelähmten am Teich von Betesda: „Willst du gesund werden?“ (Joh 5,6) Wir meinen, jeder möchte gerne gesund werden. Doch manchmal ist es bequemer, krank zu sein und sich schwach zu fühlen. Das kann ein Schutz vor neuen Herausforderungen sein. Der Gelähmte antwortet auf die Frage ausweichend: „Ich habe ja keinen Menschen, der Zeit für mich hat. Keiner versteht mich. Mit niemandem kann ich vernünftig sprechen. Die hören mir ja gar nicht zu. Die anderen haben es leichter. Ich bin benachteiligt.“ Auf dieses Jammern antwortet Jesus mit einem konfrontierenden Satz: „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“ Wir würden alle gerne aufstehen, wenn wir wüssten: Ab heute sind wir voller Selbstvertrauen. Wir machen keine Fehler. Wir schaffen das. Doch Jesus fordert den Gelähmten auf, mitten aus seiner Schwäche heraus aufzustehen und sein Bett unter den Arm zu nehmen. Das Bett steht für alle Bedenken, für die Ängste, es nicht zu schaffen, für die vielen Überlegungen: Soll ich oder soll ich nicht? Kann ich oder kann ich nicht? Mir persönlich hat dieses Wort geholfen, als ich vor 40 Jahren anfing, Kurse zu halten. Da hatte ich auch Bedenken, ob ich gut genug sei, anderen einen Kurs zu geben. Ich grübelte oft lange nach, was ich machen sollte, damit alle zufrieden seien. Doch dann fiel mir dieses Wort Jesu ein. Ich ging dann in den Vor­trags­saal mit dem Satz: „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“ Ich tat dann einfach, was mir spontan als richtig erschien. Ich hörte auf zu grübeln, ob ich es wohl richtig machen würde, ob wohl alle mit mir zufrieden seien.
So wünsche ich Ihnen, dass Sie auf der einen Seite alle Gefühle zulassen, die beim Gedanken an neue Technologien und neue Arbeitsabläufe bei Ihnen hochkommen. Ihre Ängste dürfen sein, Ihre Widerstände dürfen sein. Aber bleiben Sie nicht stecken in Ihren Ängsten. Schauen Sie sie genau an. Sprechen Sie mit Ihren Ängsten und Widerständen. Und dann sagen Sie sich vor: Ich weiß nicht, ob ich es schaffen werde. Ich fühle mich oft unsicher, gehemmt, blockiert, gelähmt. Dann sage ich mir vor: „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“ Ich nehme alle meine Bedenken, Ängste und Widerstände unter den Arm. Ich lasse mich nicht davon ans Bett fesseln. Ich trage sie spazieren. Aber ich stehe auf und gehe meinen Weg. Ich gehe weiter auf dem Weg der Ver­wand­lung. Dann spüre ich: Ich bin nicht festgefahren. Trotz aller Ängste wandelt sich etwas in mir. Das gibt mir Vertrauen für die Zukunft.

Foto: Michael Gottschalk / Kontributor / Getty Images

Zum Autor

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Pater Anselm Grün

Deutscher Benediktinerpater, Studium der Philosophie, Theologie und Betriebswirtschaft, Cellerar (wirtschaftlicher Leiter) der Abtei Münsterschwarzach von 1977 bis 2013, spiritueller Berater und geistlicher Begleiter von vielen Managern, einer der meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart

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