Motorsport als privater Ausgleich - 11. Juli 2013

Der mit dem Auto tanzt

Wenn Axel Schmitt Gas gibt, schreit eine ganze Herde wilder Pferde auf. Mit seinem Rallyewagen nimmt der Steuerberater aus Wolfhagen auch an Wettbewerben teil. Ein ungewöhnliches Hobby, das süchtig macht.

„Stellen Sie sich vor: Sie fahren mit 140 km/h über den Feldweg auf eine Kurve zu. Der Beifahrer ruft ihnen zu: 80 Kehre links. Sie wissen in 80 Metern kommt eine Spitzkehre. Sie kennen den Spruch: Wer spät bremst, ist lange schnell. Also halten Sie den Fuß auf dem Gaspedal. Im letzten möglichen Moment bremsen Sie an, schalten runter: fünfter, vierter, dritter, zweiter, erster Gang, ziehen an der Handbremse, drehen das Auto ein, driften um die Kehre, Staub und Schotter wirbeln auf und dann beschleunigen Sie wieder Vollgas raus. Das ist die Sucht nach der Ideallinie. Ob Sie am Ende Erster werden oder Zwanzigster ist egal.“ Der das sagt, ist keiner von den Heißspornen, die auf der Autobahn immer zu dicht auffahren, sondern Steuerberater, der es liebt, wohlkalkuliert mit dem Auto zu tanzen.
Angefangen hat die Motorsportleidenschaft von Axel Schmitt mit einem Rennstreckentraining, das ihm seine Frau geschenkt hat. Da fährt man mit gestellten Fahrzeugen über eine Rennstrecke, Nürburgring zum Beispiel. Später kamen Wintertrainings in Skandinavien auf zugefrorenen Seen dazu. Das ist eine hochemotionale Angelegenheit, schwärmt er. Da hat er auch das Fahrzeug kennengelernt, das er haben wollte: ein Mitsubishi EVO. Der Rallye-EVO ist voll verkehrstauglich, verzichtet im Innenraum auf jeglichen Komfort, mit Ausnahme der Teile, die der Sicherheit dienen, hat spezielle Rennsitze und -gurte sowie zusätzlich eine eingeschweißte Sicherheitszelle, die den Innenraum bei einem Überschlag stabilisiert, und eine Feuerlöschanlage.
Axel Schmitt ist auch Mitglied in einem Motorsportclub, der regelmäßig selbst eine Rallye organisiert. So ein Genehmigungsverfahren dauert. Da sind viele Hürden zu nehmen und Vorbehalte auszuräumen. Die weitverbreitete Begeisterung für den Motorsport erleichtert jedoch die Organisation. „Immer wieder überrascht es mich, wie sehr der Rallyesport die Zuschauer, aber auch meine Mandanten und Mitarbeiter fasziniert“, sagt er, der sowohl die Perspektive im Auto wie auch die ehrenamtliche Arbeit außerhalb kennt.
Als Breitensportveranstaltung für Amateure gibt es in Deutschland eine Vielzahl sogenannter Rallye 200, bei denen eine Gesamtdistanz von maximal 200 km zurückgelegt wird. Etwa 35 km dieser Strecke bestehen aus den Wertungsprüfungen, wobei es sich meist um abgesperrte Straßen und Feldwege handelt, die in Bestzeit bewältigt werden müssen. Die restlichen 165 km sind Überführungsstrecken, auf denen die Straßen­verkehrs­ordnung gilt. Strikte Regeln, technische Kontrollen, die der Sicherheit dienen, wie auch Strafen für Nichteinhaltung von Start- und Ankunftszeiten bestimmen den Ablauf einer Rallye. Der Beifahrer trägt die Verantwortung für die Buchführung und Organisation zur Einhaltung der Regeln. Zwischen den Akteuren herrscht blindes Vertrauen. Vor dem Start wird gemeinsam der Aufschrieb erstellt. Bei der Besichtigungsfahrt diktiert der Fahrer die Strecke, zerlegt sie in Distanzen, Ereignisse und Orientierungspunkte, was der Copilot als Aufschrieb notiert. Ohne Aufschrieb wird die Fahrt zum Blindflug. Bei der Wertungsprüfung sagt der Copilot dem Fahrer Streckenangaben wie Entfernungen, Kurvenradien sowie Sprungkuppen und sonstige Besonderheiten der Fahrbahn an. Es ist jedes Mal eine Gratwanderung, das richtige Maß zwischen Tempo und Vorsicht zu finden und die Grenzen, dessen was man noch verantworten kann, auszuloten.

Steuerberater und Rallyefahrer haben viel gemeinsam: vorausschauendes Planen und Denken, Präzision und kalkulierte Risikobereitschaft

So recht mag man sich den Steuerberater in der Rolle des raubeinigen Haudegens im Cockpit nicht vorstellen. Und doch sind die im Beruf erforderlichen Eigenschaften wie vorausschauendes Denken und Planen, Präzision und kalkulierte Risikobereitschaft auch im Rallyecockpit entscheidend. Die durch körperliche Beanspruchung und den Nervenkitzel aufkommenden Emotionen hingegen sind Ausgleich zu einem von Rationalität geprägten Beruf. Schmitt war immer sehr sportlich und ehrgeizig. Was er dabei gelernt hat, das hängt als Motto in seinem Besprechungszimmer: Der Unterschied zwischen Erfolgreichen und anderen ist nicht der Mangel an Stärke oder Wissen, sondern das Fehlen eines starken Willens. Der starke Veränderungswille treibt ihn auch als Mitglied des Vertreterrats und als Redaktionsbeirat des Unternehmermagazins TRIALOG an.

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Herbert Fritschka

Redaktion DATEV magazin

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