Kreative Steuerpolitik - 20. September 2018

Athens Weg zu neuen Einnahmen

Wer Krieg führen will, braucht Geld. Und je länger der Krieg dauert, desto mehr Geld verschlingt er. Das erfuhr die Polis Athen im 5. Jahrhundert schmerz­haft am eigenen Leib. Mit einigem steuer­po­li­tischen Ein­falls­reich­tum ver­suchten die Athener, ihre Nieder­lage im Pelo­pon­ne­sischen Krieg (431– 404 v. Chr.) zuerst zu ver­hin­dern und dann zu über­winden.

Krieg macht erfinderisch – besonders wenn es darum geht, ihn zu finanzieren. Bekannt ist die deutsche Schaumweinsteuer, 1902 eingeführt, um die kaiserliche Flotte zu finanzieren. Heute, mehr als 100 Jahre später, ist sie immer noch in Kraft. Die alten Athener waren hier nicht weniger kreativ.
Bis zur zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts v. Chr. beruhte das Finanzierungskonzept der Athener vornehmlich auf dem Prinzip der Reziprozität, sprich dem der Gegenleistung. Die Bürger Athens leisteten ihre Abgaben an die Polis (Stadtstaat) für Feste, Feierlichkeiten oder Kriege und erhielten im Gegenzug den Schutz Athens. Eine andere zuverlässige Einnahmequelle waren die Erträge der attischen Silberbergwerke.
Während der Perserkriege, als sich alle Griechen vereint ­gegen die Angriffe des Persischen Reichs verteidigten, schlug der Staatsmann Themistokles im Jahr 483 v. Chr. der Athener Volksversammlung vor, überschüssige Gelder für den Bau von Kriegsschiffen zu verwenden. Ihm gelang es, die Volksversammlung zu überzeugen. Athen ließ 100 Trieren bauen – Kriegsschiffe mit drei gestaffelt angeordneten Reihen an Rudern, damals State of the Art. Athen wurde zu einer der bedeutendsten griechischen Seemächte seiner Zeit. Nach dem Ende der Perserkriege schloss sich Athen mit verbündeten Poleis in Kleinasien und der restlichen Ägäis zum Attischen Seebund zusammen. Mithilfe einer gemeinsamen Kriegskasse sollten in Zukunft Angriffe der Perser im Keim erstickt werden. Dazu zahlte jeder Bündnispartner seinen Beitrag, den sogenannten Phoros.
Athens Führungsrolle im Seebund entwickelte sich nach und nach zu einer Herrschaft. Die Höhe des Phoros wurde nun von Athen bestimmt und wandelte sich vom freiwilligen Beitrag in eine gemeinsame Kasse immer mehr zu einer Tributzahlung an die Vormacht. Und Athen wusste das Geld zu nutzen: Einen Teil der Mittel, die ursprünglich der finanziellen Absicherung des Seebunds dienen sollten, zweigte Athen in die eigene Schatzkammer ab und finanzierte davon beispielsweise die Prachtbauten auf der Akropolis. Dieses Geld fehlte später bei der Kriegsführung im Peloponnesischen Krieg, als Sparta mit seinen Bündnispartnern ­gegen Athen und den Attischen Seebund kämpfte. Von der attischen Belagerung Mytilenes im Jahr 429 v. Chr. schreibt der griechische Historiker Thukydides: „Für ihren Mehrbedarf an Geld für die Belagerung brachten die Athener damals zuerst eine Steuer auf, zweihundert Talente, und sandten auch zu den Verbündeten zwölf Geldsammelschiffe aus […].“
Die Seekriegsführung Athens kostete die Stadt und den Seebund einen Großteil ihrer Reserven. Der Bau neuer Kriegs­schiffe war teuer und die Treue der Soldaten musste mit einer hohen Truppenbesoldung gesichert werden. Mehrere Niederlagen führten zum Verlust von Bündnispartnern und deren Tributzahlungen und kosteten den Seebund damit zusätzlich Geld. Zudem ging der Ertrag aus dem Silberbergbau zurück. Doch zunächst bekam Athen eine Atempause.

Um dem Staatsbankrott entgegenzuwirken, mussten die Athener kreativ werden.

Der Nikiasfrieden von 421 v. Chr., der zwischen Athen und Sparta für kurze Zeit den Status quo ante wiederherstellte, ermöglichte Athen, seine Reserven aufzustocken. 413 v. Chr., bei gerade stabilem Haushalt, beschloss der attische General Alkibiades aber, zu einer Eroberungsfahrt nach Sizilien aufzubrechen. Die Kämpfe dort hatten den Verlust von 160 Kriegsschiffen zur Folge, entfachten die Konflikte mit den Spartanern aufs Neue und brachten auch die Finanzierungsfrage erneut aufs Tapet. Der völlige Staatsbankrott drohte. Thukydides schreibt: „Die Aufwendungen waren nicht gleich geblieben wie früher, sondern sehr stark gewachsen, je mehr der Krieg sich ausweitete, und die Einkünfte gingen verloren.“
Die Schlacht bei Aigospotamoi besiegelte 405 v. Chr. die endgültige Niederlage Athens. Die Polis hatte keine intakte Flotte mehr und auch nicht länger die Finanzierungsmöglichkeiten für eine Fortführung des Kriegs.
Um dem Staatsbankrott entgegenzuwirken, mussten die ­Athener kreativ werden. Sie entschieden sich für eine neue Art der Besteuerung: Anstatt die Tribute der Poleis des Attischen Seebunds weiter einzufordern, beschloss die Volksversammlung eine Steuer in Höhe von fünf Prozent auf den Warenwert aller seegehandelten Waren, sowohl des Imports als auch des ­Exports. Die Einnahmen waren von da an nicht mehr von der Zahlungsbereitschaft der verbündeten Poleis abhängig, sondern ­kamen stetig aus dem wirtschaftlichen Handel. Die ­Verbündeten wiederum hatten kaum eine Chance, die Steuern zu umgehen, da sie auf den wichtigen Handelsplatz Athen angewiesen waren. Außerdem mussten Fremde künftig eine Steuer abtreten, wenn sie die Verkaufsfläche der Stadt – die Agora – nutzen wollten. Und auch die einheimischen Händler wurden zur Kasse gebeten: Sie mussten auf alle verkauften Waren eine Art Mehrwertsteuer entrichten.
Die griechische Klassik ist nicht nur die Epoche, in der die Wurzeln der europäischen Demokratie liegen, im fünften Jahrhundert entwickelte sich in Athen auch ein Steuersystem mit festen Abgaben. Steuern, die zur Finanzierung des Kriegs eingeführt worden waren, blieben den Bürgern mitunter noch lange danach erhalten. Die Polis Athen hatte sie als regelmäßige Einnahmequellen zu schätzen gelernt – und eine Mehrwertsteuer gibt es bis heute in Griechenland.

Fotos: THOMAS WOLF GOTHA; ke77kz; xZU_09x  / Getty Images

MEHR DAZU

Michel Austin, Pierre Vidal-Naquet: Gesellschaft und Wirtschaft im alten Griechenland, München 1984.

Hilmar Klinkott, Sabine Kubisch, Renate Müller-Wollermann (Hrg.): Geschenke und Steuern, Zölle und Tribute. Antike Abgabenformen in Anspruch und Wirklichkeit, Leiden 2007.

Jürgen Malitz: Der Preis des Krieges. Thukydides und die Finanzen Athens, Darmstadt 2008.

Helmut Vretska, Werner Rinner (Hrg.): Der Peloponnesische Krieg, Stuttgart 2000.

Zu den Autoren

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Kristina Gunne

Neumann & Kamp Historische Projekte

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Anna Pezold

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