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Tee über Bord!

Boston Tea Party

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„Die Vernichtung des Tees ist eine so kühne, entschlossene, furchtlose und kompromisslose Tat, und sie wird not­wen­diger­weise so wichtige und dauerhafte Konsequenzen haben, dass ich sie als epoche­machen­des Ereignis be­trach­ten muss.“ Dies schrieb John Adams, einer der Grün­der­vä­ter der USA, am 17. Dezember 1773 in sein Tagebuch.

Das Königreich Großbritannien hatte Anfang des 17. Jahrhunderts damit begonnen, Nordamerika zu besiedeln. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts waren an der nord­ameri­ka­ni­schen Ostküste 13 bri­ti­sche Kolonien entstanden, die von Maine im Norden über Pennsylvania bis nach Georgia im Sü­den reichten. Zwischen den Siedlern und dem britischen Mutterland gab es schon seit Län­ge­rem Unstimmigkeiten, etwa bei der Frage der politischen Teilhabe im britischen Parlament. Während der Regierungszeit des britischen Königs Georg III., der seit 1760 auf dem Thron saß, eskalierte die Situation.

Der Siebenjährige Krieg (1756 bis 1763) wurde nicht nur in Europa, sondern auch auf dem nord­ameri­ka­nischen Kontinent ausgefochten, und obwohl Großbritannien sieg­reich aus dem Kon­flikt hervorgegangen war, hatte er ein großes Loch in den bri­ti­schen Haushalt gerissen. Neue Steuern und Zölle in den Kolonien sollten helfen, die Kassen wieder zu füllen. So besteuerte die britische Regierung mit den Stem­pel­ge­setzen von 1765 Dokumente und Zeitungen in den nord­ameri­kani­schen Kolonien. Die Siedler pro­tes­tier­ten und mit den Sons of Liberty entstand eine Bewegung, die öffentlich gegen die Zölle und darüber hinaus gegen das britische Mutterland opponierte. Auf der anderen Seite des Atlantiks blieb man unbeeindruckt. Weitere Steuern folgten, etwa auf Tee, Glas, Blei, Öl oder Farbe. Zwar wurden diese Abgaben bis 1770 größ­ten­teils aufgehoben, aber der Teezoll, der sich als einziger rentierte, blieb – und damit die Boykottbestrebungen. Viele Siedler, bei denen der Tee einen ähnlichen Stel­len­wert wie in Großbritannien genoss, halfen sich statt­dessen mit ge­schmug­gel­tem niederländischen Tee aus.

Der Konflikt verschärfte sich, als die britische Regierung im Mai 1773 den Tea Act einführte. Dieses neue Gesetz ermöglichte der wirtschaftlich stark angeschlagenen British East India Company ein Handelsmonopol auf den Teeverkauf in den nord­ameri­ka­ni­schen Kolonien. Die dortigen Zwi­schen­händler konnten somit aus­ge­schal­tet und der Tee zu sehr günstigen Preisen angeboten werden. Kein Wunder also, dass die Zwischenhändler zum Widerstand aufriefen. Auch die Sons of Liberty forderten Einfuhrboykotte gegen britische Waren. Die Parole „no taxation without re­presen­ta­tion“ (keine Steuern ohne Mitbestimmung), die schon seit einigen Jahrzehnten politische Teilhaberechte im britischen Parlament einforderte, war immer öfter zu hören.

Die rigide Haltung und Uneinsichtigkeit des britischen Parlaments gegenüber den Forderungen der Siedler verschärften den Konflikt: Um die Lieferung von verzollter Ware zu verhindern, ver­such­ten die Sons of Liberty die Kapitäne auf ihre Seite zu bringen. So auch am Abend des 16. Dezembers 1773. Drei mit Tee beladene Schiffe der British East India Company lagen bei Boston vor Anker: die Beaver, die Dartmouth und die Eleanor. Nachdem ein letzter Versuch gescheitert war, die Schiffe zum Aus­laufen zu bewegen, machten sich 50 bis 100 Protestler Richtung Hafen auf, um den Tee ins Wasser zu werfen. Dabei handelte es sich um eine von Händlern, Hand­wer­kern und Mitgliedern der Sons of Liberty organisierte Aktion, an der auch Bostoner Bürger teilnahmen. Viele der Beteiligten verkleideten sich als Mohawk-Indianer: Sie bemalten ihr Gesicht und steckten sich Federn an den Hut. Die Ver­klei­dung ging sogar über das rein Optische hinaus. Einige spra­chen in einer er­fun­denen in­dia­ni­schen Sprache miteinander. Warum? Historiker vermuteten früher, dass damit die Aktion den Indianern in die Schuhe geschoben werden sollte. Allerdings lebten die Mohawk rund 300 Kilometer von Boston entfernt. Heute geht die Forschung davon aus, dass die Verkleidung Ausdruck für den Kampf der Uramerikaner – mit denen sich die Beteiligten iden­tifi­zierten – gegen den britischen Lebensstil war. Dies ließ sich am besten mit dem Symbol des wil­den und zugleich stolzen Ureinwohners Nordamerikas umsetzen.

Bevor die Indianer die Kisten an Deck brachten und über Bord warfen, schickten sie die Besatzung ans Ufer. Danach versenkten sie etwa 45 Tonnen Tee der British East India Company im Hafen von Boston. Sie achteten dabei darauf, dass außer der La­dung nichts beschädigt oder gestohlen wur­de. Nachdem der Tee über Bord ge­gan­gen war, reinigten sie sogar das Deck und räumten alles an seinen ur­sprüng­li­chen Platz zurück. Während der dreistündigen Aktion versammelte sich eine Men­schen­menge im Hafen. Diese war so still, dass sogar die Schläge der Äxte zu hören waren, mit denen die Kisten aufgebrochen wurden.

Die Aktion fand einige Nachahmer und die britische Kolonialmacht musste reagieren: Sie schloss den Bostoner Hafen und schränkte die Freiheit der nordamerikanischen Kolonien weiter ein. Im Herbst 1774 versammelten sich die Kolonisten zum so­ge­nann­ten ersten Kontinentalkongress in Philadelphia. Der Konflikt eskalierte und mündete ein Jahr später im Amerikanischen Unab­hängig­keits­krieg, bei dem die 13 Kolonien am 4. Juli 1776 ihre Unabhängigkeit vom Mutterland aus­rie­fen. Am Ende sollte John Adams recht behalten und die Boston Tea Party als „epochenmachendes Ereignis“ in die US-Geschichtsschreibung eingehen. Die Bezeichnung Boston Tea Party entstand im Übrigen erst rund fünf Jahrzehnte nach der eigentlichen Aktion. Dennoch nutzt die rechte Tea-Party-Bewegung seit 2009 den Namen, um sich auf die Ereignisse im Dezember 1773 zu beziehen.

 

Foto: Ed Vebell / Kontributor / Getty Images

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