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Glückwunsch und Warnung zugleich

30 Jahre World Wide Web

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Kein Geringerer als Bill Gates mutmaßte 1993, das Internet sei ledig­lich ein Hype. Mit dieser Aussage setzte er einen bis heute un­über­troffenen Maßstab für Fehl­prog­nosen, denn heute ist mehr als die Hälfte der Welt­be­völ­ke­rung online. Der Siegeszug des Internets wird aber längst nicht mehr nur euphorisch gesehen.

Als der britische Forscher Timothy Berners-Lee am 12. März 1989 in Genf seine Idee präsentierte, war ihm sicherlich nicht bewusst, dass er damit den Startschuss geben würde für eine techno­lo­gische Entwicklung, die mancher als so revolutionär einstuft wie seinerzeit die Erfindung des Buchdrucks. Berners-Lee, heute Professor an der University of Oxford, wollte ein System zum besseren Austausch von Informationen für Wissenschaftler und Universitäten entwickeln. „Vage, aber interessant“, schrieb sein Vorgesetzter damals auf das Papier. Tatsächlich aber schuf Berners-Lee die Grund­lage für das Internet, wie wir es heute kennen. Das World Wide Web (WWW) ist in unserer Gesellschaft jedenfalls fester Bestandteil, das ist unbestritten. Gleich, ob Facebook, YouTube oder WhatsApp – kein Social-Media-­Kanal oder Messenger wäre ohne das Internet denkbar, kein Fußball via Livestream, keine Partymusik mittels Spo­ti­fy. Und so gilt es, eine Vision zu feiern, die dazu geführt hat, dass wir als Ge­sell­schaft nun Möglichkeiten haben, an die vor 25 Jahren noch niemand zu denken wag­te, wie etwa das Onlinebanking oder ­Internetportale zum Kauf beziehungsweise Verkauf von Waren.

Fluch und Segen zugleich

Aber besteht deshalb wirklich Anlass, völlig uneingeschränkt zu feiern? Das Internet ist nämlich nicht nur Segen, sondern zugleich auch Fluch. Zwar weiß man innerhalb weniger Minuten, wo und wann sein Flieger geht oder die Bahn fährt (sofern sie denn fährt), und über entsprechende Portale gelingt eine steuerliche oder juristische Re­cher­che in kürzester Zeit – da, wo man früher aufwändig Bibliotheken aufsuchen mus­ste. Diese Vorzüge bezahlen wir aber mit dem Nachteil, dass man über uns sehr viel weiß und dass diese Datenspuren von großen Konzernen wirtschaftlich aus­ge­nutzt werden.

Veränderung der Verhaltensmuster

In Zeiten des Neoliberalismus lassen wir uns zunehmend von ökonomischen und technologischen Stakeholdern beeinflussen.

Diese Kommerzialisierung ist aber nur der Beginn einer kulturellen Entwicklung, die mehr als be­denk­lich ist. Das Internet ist eine Technologie von epochalem Aus­maß, sagt auch der Medien­wissen­schaft­ler Wolfgang Hagen. Ein Haupt­as­pekt dieser Entwicklung ist der Zerfall einer klassischen Öffentlichkeit. In Zeiten des Neoliberalismus lassen wir uns zunehmend von ökonomischen und tech­no­lo­gi­schen Stakeholdern beeinflussen. Diese Meinungsbildner, neudeutsch: Influencer, führen dazu, dass eine völlig neue Art von Subjektivität entsteht – viel schwächer hinsichtlich ihrer rationalen und viel stärker bezüglich ihrer affektiven Seite. Tatsache ist je­den­falls, dass viele mittlerweile fast schon hörig und häufig überzogen sowie über­aus impulsiv auf das reagieren, was ihnen in dieser computer- und in­ter­net­ge­steuer­ten Welt von Instagram und Co. offeriert wird. Erst danach wird reflektiert, womöglich mit Bedauern, was man eigentlich gerade tut oder getan hat. Diese Umkehrung der Ver­hal­tens­mus­ter dürfte weitreichende soziale Folgen haben. Schon heute sprechen namhafte Wissenschaftler von Abhängigkeit und Sucht, wenn Internet-Power-User – gleich ob in der U-Bahn, am Flughafen oder auch im Restaurant – nahezu jede freie Sekunde nutzen, um, digitalen Autisten gleich, losgelöst von ihrer Umgebung, ge­fang­en im eigenen Social-Media-Kokon, wie besessen auf ihre Smartphones oder Tablets einzuhacken.

Schattenseiten des Web

Zudem zweifeln angesichts von Datenmissbrauch, Fake News oder anderen Formen der Des­in­for­ma­tion, aber auch Hassreden und Zensur mittlerweile mehr und mehr Men­schen daran, ob das WWW wirklich ausschließlich positive Einflüsse hat. Im dreißigsten Jahr seines Bestehens hat das Internet durchaus einen schlechten Ruf, vor allem bei Medienleuten und Journalisten, weil es nach deren Ansicht die Öffent­lich­keit unterminiere und dabei sei, diese ganz materiell sowie auch ökonomisch aus­zu­höhlen. In den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts gab es in Deutschland rund 4.000 Zeitungen. Jeder konnte diese Meinungsvielfalt am Kiosk sehen. Nach Ansicht vieler Experten sind die großen Internet-Player nun aber dabei, das Monopol der In­for­ma­tion an sich zu ziehen – und auch nahezu die komplette Werbung. Zudem kann welt­weit jeder ins Netz, auch wirklich böse Menschen, die digitale Unterwelt des Dark­net lässt grüßen!

Missstände bekämpfen

So macht sich mittlerweile auch Professor Berners-Lee Sorgen darüber, was aus „sei­nem“ Internet geworden ist. Schon 2014, zum 25. Geburtstag des WWW, forderte er die Einführung eines internationalen Grundrechtekatalogs für Internetnutzer. Seinerzeit stand die politische Debatte unter dem Zeichen des Whistleblowers Edward Snowden. Der Gesetzgeber, national wie inter­na­tional, und auch die Justiz haben teil­weise schon reagiert. Das Netz­werk­durch­suchungs­gesetz, die EU-Ur­he­ber­rechts­re­form, aber auch die Datenschutz-Grundverordnung und demnächst die sie er­gän­zen­de ePrivacy-Verordnung sind neben anderen Gesetzen sowie der BGH-Entscheidung zum digitalen Nachlass Maßnahmen, um einer Entwicklung ge­gen­zu­steu­ern, die of­fen­sicht­lich aus dem Ruder gelaufen ist. Den Schattenseiten des WWW wird man tatsächlich aber nur begegnen können, wenn man auch die großen Mo­no­po­le angeht und eine Entflechtung ihrer Tätigkeiten in die Wege leitet, ähnlich der Zerschlagung von Standard Oil im Jahre 1919 in den USA.

Fazit und Ausblick

Das Internet, so wie wir es heute kennen, wurde nicht mit dem primären Ziel ent­wi­ckelt, die klassischen Strukturen einer ­formalisierten Öffentlichkeit und eines davon getrennten informellen Privatbereichs aufzulösen. Das WWW sollte auch nicht dem Zweck dienen, durch Werbung viel Geld zu verdienen, es entwickelte sich völlig frei. Daher muss heute jeder selbst entscheiden, wie viel er von sich im WWW preis­gibt ­beziehungsweise wie weit er sich von Google oder Facebook manipulieren lässt. Abschließend noch ein Wort zur Digitalisierung, die ohne das Internet ebenfalls un­denk­bar wäre. Wie ein Damoklesschwert hängt sie über so manchem steuerlichen Berater mit Blick auf dessen Zukunftsprognose. Da wünscht sich insgeheim der eine oder andere Berater womöglich, ­Robert Metcalfe, Erfinder der Ethernet-Verbindung, hätte Recht behalten, als er 1995 sagte: „Das Internet wird wie eine spektakuläre Su­per­no­va im nächsten Jahr ausbrennen und in einem katastrophalen Kollaps un­ter­ge­hen.“

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