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Auch Führungskräfte können Teilzeit

Beruf und Familie

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Von 100 Führungs­kräften in Deutsch­land arbeiten nur fünf (!) in Teilzeit. Und von diesen fünf Per­so­nen ist es nur ein Mann, der seine Stunden zu­guns­ten von Familie oder Freizeit re­du­ziert. Einer davon ist Stefan Bergner. Er ist Ab­tei­lungs­leiter für die Tech­no­logie von Daten­hal­tungs­systemen bei DATEV. Aber noch viel wichtiger: Er ist der Papa von Hannes.

Jeden Mittag sitzt die Familie gemeinsam am Mittagstisch. Zu diesem Zeitpunkt hat Vater Stefan schon einen halben Tag erlebt, denn seit sechs Uhr war er auf den Beinen; seit 06.45 Uhr saß er am Schreibtisch und seit 7 Uhr fanden die ersten Besprechungen für ihn statt. Pünktlich um 12 Uhr ist für ihn der Arbeitstag auch wieder vorbei. Dann ist der kleine Sohn der Chef und Bestimmer über den restlichen Tagesverlauf, der bis dahin bei der Mama zu Hause war. Lisa ist Stefans Partnerin, Taekwondo-Meisterin und leitet ihren eigenen Kampf­sportverein mit rund 800 Mitgliedern. Also auch Führungskraft und obendrein noch selbst­ständig.

Führen in Teilzeit ist die Ausnahme

Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) belegte 2016 schwarz auf weiß: Teilzeit ist immer noch Frauensache. Auch und ganz besonders auf Führungsebene. Die Phase der Familiengründung überschneidet sich eben zeitlich mit der wichtigen Phase der Karriere­bil­dung. Entweder-oder also?
Genau hier liegt das Problem: Teilzeit ist längst noch keine gängige Option für Ma­nage­ment­po­si­tionen. Dies mag zum ­einen am zeitlichen Aufwand liegen, den eine Führungsstelle mit sich bringt, zum anderen aber auch daran, dass es noch nicht genügend familienfreundliche Arbeits­zeit­modelle für Führungskräfte in Teilzeit gibt. „Teilzeitmanagerinnen und -manager sind in Europa überall die Ausnahme“, resümiert die Studie. Zum Management zählen die Wissen­schaft­ler alle Beschäftigten mit Leitungsfunktionen sowie Selbstständige und Unternehmer mit Angestellten. Zwar ist der Anteil bei unseren Nachbarn in den Niederlanden (zwölf Prozent) und Irland (elf Prozent) höher – aber nur marginal.

Führen in Teilzeit ist gut machbar

Als die Bergners vom großen Glück zu dritt erfuhren, war schnell klar: Stefan bleibt daheim und hütet Kind und Haus. Lisa geht wieder arbeiten. Als Vereinsvorstand hängt viel an ihr als Person. Ein Jahr lang würde ihr Mann daher also ganz zu Hause und zwei weitere Jahre in Elternzeit bleiben. „Ich war sehr aufgeregt und habe mich gut darauf vorbereitet, das meinen Chefs so vor­zu­schlagen“, erinnert sich Bergner zurück. „Aber die haben sich nur für mich gefreut und mir versichert, dass wir das alles hin­be­kommen. Und so war es dann auch.“
Die Elternzeit hat der Karriere des 43-Jährigen keinen Abbruch getan – im Gegenteil: Direkt nach seiner Rückkehr wurde er vom Team- zum Abteilungsleiter ernannt, weil sein damaliger Vorgesetzter in Rente ging. Heute vertreten ihn vier seiner Teamleiter jeden Tag, wenn er um 12 Uhr vom Chef zum Papa wird. Und das läuft auch sehr gut so: „Ich delegiere viele Aufgaben und das Tagesgeschäft einfach dorthin, wo es hingehört, und gebe ab. Dafür konzentriere ich mich auf die Führung meiner 45 Mitarbeiter und strategische Themen“, sagt Bergner.
Die Struktur seines Arbeitstags ist der 25-Stunden-Woche geschuldet: Besprechungen finden daher meist vormittags statt. Manchmal auch per Skype. Probleme werden pragmatisch gelöst. Mittlerweile achten auch Kollegen und Mitarbeiter darauf, sich direkt im Büro des Ab­tei­lungs­leiters zu treffen, um ihm zeitraubende Fußwege zu ersparen.

Führen in Teilzeit hat zwei Gesichter

Dieses eine Modell der Teilzeitführung, das für alle Unternehmen und jedes Bedürfnis passt, gibt es nicht. Aktuell sind die folgenden beiden Varianten die gängigsten:

  1. Reduktion der Arbeitszeit: Meist wird auf eine Stundenzahl reduziert, die sehr nah an der Vollzeit ist (um 15 bis 20 Prozent)
  2. Jobsharing/Tandemmodell: Entweder wird ein Führungsduo gebildet, das jeweils 50 Prozent der Stelle ausfüllt; oder auf eine Stelle werden 120 bis 150 Prozent Arbeitskapazität zu­ge­ordnet (für Abtimmungen und Übergaben)

Besonders das Jobsharing oder Tandem-modell setzt eine hohe kommunikative Fähigkeit der Manager untereinander voraus, um voll­um­fäng­liche und detaillierte Übergaben zu gewährleisten. Eventuelle Ausfälle durch Krankheit oder Urlaub sind dafür sofort abgedeckt. Aus or­ga­ni­sa­to­rischen Gründen ordnet man den einzelnen Führungskräften meist klare disziplinarische Aufgaben zu.
Unternehmen wiederum sichern sich somit eine erhöhte Verfügbarkeit an Füh­rungs­kräften. Logisch, es gibt ja schließlich auch mehr davon. Hinzu kommt ein breiter Kompetenzaufbau sowie die Steigerung der Arbeitgeberattraktivität für Manager jeglichen Geschlechts.

Führen in Teilzeit muss man lernen

Zu Beginn seiner Elternzeit rotierte Stefan Bergner ganz schön: Kind versorgen, Haushalt führen und hier und da doch noch die Arbeits-E-Mails checken: „Ich hatte zu Beginn das Gefühl, die Kollegen im Stich zu lassen“, erinnert er sich heute. Zwar war vorab schon mit dem Team abgestimmt worden, wie sich die DATEV-Welt während seiner Abwesenheit weiterdrehen würde; aber da konnte keiner ahnen, dass der kleine Hannes fast sieben Wochen zu früh auf die Welt kommen und alle Planungen auf den Kopf stellen würde. „Die Teamleiter und meine Mitarbeiter wurden damit etwas schneller ins kalte Wasser geworfen als geplant, aber wir als Eltern schließlich auch“, lacht der stolze Vater heute.
Die Anfangszeit mit dem Sohn war geprägt von Selbstkritik und Unsicherheit. Aber Hannes war all das wert. „Ein Kind ist eine echte Bereicherung. Wenn Frauen das schaffen, kann ich das auch, habe ich mir irgendwann gesagt. Und dann lief es. In der Arbeit habe ich dann einfach losgelassen und meinen Kollegen vertraut, dass die das Kind bei DATEV schon schaukeln.“

Führen in Teilzeit ist branchenabhängig

14,6 Prozent der Managerinnen in Deutschland arbeiten Teilzeit, Tendenz von Kind zu Kind und mit dem Alter steigend. Fast verwundert dann doch die Tatsache, dass man sich am wenigsten bei großen Unternehmen oder als Selbstständiger traut, die Stunden runterzuschrauben. Dabei ist Teilzeitarbeit in Managementpositionen doch meist ein Ausdruck von Autonomie und Selbst­be­stimmung.
Teilzeitmanager sind in Deutschland mit 9,3 Prozent am häufigsten in den Bereichen Bildung, Gesundheit und der öffentlichen Verwaltung vertreten. In Branchen also, die stark frauen­do­mi­niert sind. Im verarbeitenden Gewerbe sind sie mit 1,2 Prozent dagegen die absolute Ausnahme.
Die Gründe für die Reduzierungsangst liegen meist bei informellen Er­war­tungs­hal­tungen oder kulturellen Gepflogenheiten. Aber auch finanzielle Aspekte darf man nicht aus den Augen verlieren, schließlich bedeutet weniger Arbeit immer auch weniger Geld. Das kann und möchte sich längst nicht jeder leisten.
Besonders, wenn Führungskräfte lange Wochen­ar­beits­zeiten stemmen, findet man Teilzeit seltener. Übrigens spielt es dabei auch keine Rolle, ob der Anspruch darauf rechtlich geregelt ist. Der Arbeitsalltag von Führungspersonal wird häufig durch einen hohen Grad an Planungs­ver­ant­wor­tung, Steuerungsaufgaben und Kontrollfunktionen bestimmt, was eine Arbeitszeitreduzierung sehr belastend macht.

Führen in Teilzeit ist ein Gewinn

Für den fast zweijährigen Hannes spielt das alles noch keine Rolle. Für ihn zählt der dienstägliche Musikgarten, bei dem sein Papa mit ihm durch die Halle tanzt, ausgiebige Spielplatzbesuche, bei denen die beiden die größten Sandburgen bauen, und das Minidrachentraining jeden Donnerstag in Mamas Taekwondo-Schule. „In den meisten Eltern-Kind-Kursen war ich der einzige Mann“, erinnert sich Bergner. „Wir müssen wirklich viel mehr tun, um hier ein Gleichgewicht zu schaffen.“ Besonders Frauen sollten sich trauen, mehr vom Arbeitgeber zu fordern. Ohne Angst vor Konsequenzen. „Ich habe auch meine Zeit gebraucht, bis ich alles unter einen Hut bekommen habe – besonders Kind und Haushalt waren eine große Herausforderung. Aber es geht. Für alles gibt es heute gute Lösungen. Man muss sie eben einfordern!“

Führen in Teilzeit ist ein Benefit

Langsam dreht sich der Wind auf dem Arbeits­markt wieder zugunsten der Arbeit­nehmer, besonders der Generation Y oder Z, die gerne mal umworben wird. High Potentials fordern immer mehr flexible Arbeitsmodelle und Zugeständnisse als Entschädigung für ihren Einsatz und ihr Know-how. Geld ist da schon längst nicht mehr alles. Auch Führungskräfte gründen Familien, müssen unter Umständen Angehörige pflegen oder aus diversen anderen Gründen kürzertreten. Vielen hoch qualifizierten jüngeren Mitarbeitern erscheinen die mit einer Führungsaufgabe verbundenen Mehrbelastungen als zu hoch, um zunehmende Familien- und Freizeitaufgaben gleichzeitig befriedigen zu können.
Arbeitszeitverkürzungen beim Führungspersonal können zudem zur Reduzierung der Ge­schlech­ter­teilung am Arbeitsmarkt beitragen. Dann können sich nämlich auch Frauen auf Positionen im Management bewerben, die teilzeitfähig sind. Je mehr Männer außerdem mit gutem Beispiel vorangehen, desto mehr werden folgen und somit für eine ausgewogenere Verteilung von Führungs­po­si­tionen in Teilzeit sorgen. Frauen wie Männer.

Führen in Teilzeit hat Zukunft

Das explizite Angebot an Führungs­kräfte, zeitweise in Teilzeit zu arbeiten, kann zu einer Änderung der Unternehmenskultur beitragen.

Das explizite Angebot an Führungs­kräfte, zeitweise in Teilzeit zu arbeiten, kann zu einer Änderung der Unternehmenskultur beitragen. Stefan Bergner ist das beste Beispiel: „Den Weg so zu gehen, wie meine Lebenspartnerin und ich es getan haben, war die beste Entscheidung, die wir hätten treffen können. Ich kann nur jeden darin bestärken, denn es gibt sehr gute Lösungen, wie man Führungs­auf­gabe und Familie unter einen Hut bekommt!“
Führung in Teilzeit kann zu einer Chance werden, Lebensphasen den Umständen entsprechend angemessen zu gestalten. Sie ist dann nicht länger die „zweitbeste“ Lösung, sondern bietet in bestimmten Lebensphasen die Möglichkeit, Zeit für die Familie und die Karriere miteinander in Einklang zu bringen.

HELDEN DES ALLTAGS

 
STEFAN BERGNER, ist seit 2011 bei DATEV; er ist Abteilungsleiter für Datenbanken und in seiner Freizeit leidenschaftlicher Familienmensch, Kampfsporttrainer und drückt dem 1.FCN die Daumen.
 
 

Fotos: Catherine Delahaye, Paperkites, Teevit Lertchaturaporn / Getty Images

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