Werte & Visionen |

Eine kurze Geschichte der Augsburger Börse

Wirtschaftsgeschichte

0Kommentare

Die Augsburger Kauf­mann­schaft erwarb 1549 eine Trink­stube, um in an­ge­neh­mer wie ex­klu­siver Runde Geschäfte ab­schließen zu können – der Geburts­ort der Augs­burger Börse. Sie gehörte ge­mein­sam mit ihrem Nürn­berger Pendant zu den ältesten Börsen in Deutschland. Mit ihr zählte die Fugger­stadt zu den da­ma­ligen Finanz­zentren in Mittel­europa.

Waren und Währungen werden getauscht, Darlehen genommen und Depositen gegeben. Die Kaufleute profitieren bei ihren Geschäften von dem aufblühenden Fernhandel.

Mitte des 16. Jahrhunderts in Augsburg: Täglich treffen sich heimische und aus­wär­tige Kaufleute vor dem Perlachturm, um ihre Geschäfte abzuschließen. Waren und Währungen werden getauscht, Darlehen genommen und Depositen gegeben. Die Kaufleute profitieren bei ihren Geschäften von dem auf­blü­hen­den Fernhandel. Eine der wichtigsten Handelsrouten verläuft seit dem späten Mittelalter durch Augsburg: von Flandern nach Norditalien. Und sie profitieren von den Geschäften der Fugger, jenem reichen und mächtigen Augsburger Kaufmannsgeschlecht, das nicht nur in Edelmetall- und Montangeschäften tätig ist, sondern auch als einflussreiche Geldgeber der Habsburger fungiert.
Diese Geschäfts-Meetings fanden nicht nur unter freiem Himmel statt. Die lokalen Kaufleute nutzten verschiedene, auch öffentliche Räumlichkeiten, ehe sie 1549 gegenüber dem Rathaus die besagte Trinkstube einrichteten, aus der sich die Augsburger Börse entwickelte. Von einer „Börse“ sprachen die Augsburger aber lange Zeit nicht. Der Begriff war damals in Süddeutschland nicht gebräuchlich. Augsburger Händler sprachen in diesem ­Zusammenhang meistens vom „Platze“. Dessen Geschichte reicht indessen noch weiter zurück.
Die spätmittelalterlichen Börsen entstanden im Allgemeinen aus den in Messestädten stattfindenden Märkten. Nun war Augsburg keine mittelalterliche Messestadt wie zum Beispiel Brügge, Frankfurt oder Venedig. Augsburgs Märkte waren Warenmärkte, in erster Linie für Textilien und Produkte aus Italien. Dieser überregionale Handel machte Geldwechselgeschäfte notwendig. Deshalb war die Hauptfunktion der Augsburger Börse in ihrer Anfangszeit der Tausch von Währungen. Eine weitere Vorbedingung zur Entstehung der Augsburger Börse war das Makler­ge­schäft der städtischen „Unterkäufel“: ­Diese Agenten schlossen schon im 13. Jahrhundert gegen Provision Geschäfte zwischen einheimischen und auswärtigen Kaufmännern ab. Im Augsburger Stadtbuch von 1276 wurde der Beruf des „Unterkäufel“ in einem eigenen Artikel reglementiert.
Als die Habsburger gegen Ende des 16. Jahrhunderts in finanzielle Schwierigkeiten gerieten, waren auch die Augsburger Kaufleute durch ihre engen Verbindungen mit dem Herrscher­geschlecht davon betroffen. Hinzu kam der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648, der sich auf die deutsche Wirtschaft katastrophal auswirkte. Augsburgs wirtschaftliche Blütezeit war vorläufig beendet. Der Börsen- und Wechselbetrieb wurde für eine längere Zeit eingestellt. Der lokale Handel fand weiterhin statt. Erst mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der heimischen Industrie zu Beginn des 18. Jahrhunderts verstärkten sich die überregionalen kaufmännischen Aktivitäten in der Fugger­stadt wieder. Ein neuer, starker Bankierstand entstand. „Augsburg war der vorzüglichste Wechselplatz Europas. Die Briefe von Osten nach Westen, von der Türkei, Ungarn und Oesterreich nach der Schweiz, Frankreich und Spanien, von Norden nach Süden, von England, Holland, Dänemark und Rußland nach ganz Italien ­gehen über hier (…) hierdurch wird es den Bankiers der anderen Wechselplätze fast unmöglich, mit dem Augsburger Bankier in Arbitrageschäften gleiche Konkurrenz zu halten“, wie Augsburger Kaufleute 1809 an die bayerische Regierung schrieben.
Mit der wachsenden Bedeutung der Wechselaktivitäten in ­Augsburg entstand Anfang des 19. Jahrhunderts das Bedürfnis, diese an einem Ort zu konzentrieren. In dieser Zeit kam in ­Augsburg auch der Begriff Börse das erste Mal auf. Der sich kons­ti­tuie­rende Börsenverein erstellte bald eigene Statuten und schuf die formalen Grundlagen für ihre Organisation. Daneben orientierte man sich an den internationalen Börsen in Amsterdam und London. 1816 wurde der schwäbische Handelsplatz zur Effekten­börse mit eigenem Kursbericht aufgewertet. Nun konnte mit Aktien und Staats­pa­pieren gehandelt werden. Im Jahr 1830 stellte die Börse ihren neuen Re­prä­sen­ta­tions­bau vor dem Augsburger Rathaus fertig, in dem von nun an die Geschäfte stattfanden. Die einstige Trinkstube musste hierfür weichen.
Im Jahr 1830 erwuchs der Augsburger Börse allerdings auch Konkurrenz in Gestalt der im selben Jahr ­gegründeten Münchner Börse. Obwohl die Augsburger Börse zeitweise als die bedeutendste deutsche Börse für den Textilhandel fungierte, verlor sie besonders gegenüber München zu­neh­mend an Bedeutung und wurde Ende 1934 im Zuge reichsweiter Zen­tra­li­sie­rungs­maß­nahmen der Nationalso­zialisten zugunsten der Bayerischen Börse in München aufgehoben beziehungsweise mit der Münchner Börse zusammengelegt. In das frei gewordene Gebäude der Augsburger Börse zog 1935 ein Rundfunksender. Neun Jahre später, im Februar 1944, wurde das Gebäude bei einem alliierten Luftangriff schwer beschädigt.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs standen die baulichen Überreste der Börse bis ins Jahr 1960, ehe das Gebäude komplett abgerissen wurde. Augsburger Bürger verhinderten danach eine Wiederbebauung des Grundstücks. Seitdem ist das unbebaute Gelände Teil des Rathausplatzes, auf dem jedes Jahr die Buden des traditionsreichen Augsburger Weihnachtsmarkts stehen, der wie die Augsburger Börse seine Ursprünge im 15. Jahrhundert hat. Doch das ist eine andere Geschichte.

Fotos: PaulFleet, marchello74 / Getty Images

0Kommentare Neuen Kommentar verfassen

Einen neuen Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.