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Der Tulpencrash

Börsencrash

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Die erste Spekulationsblase der Welt entstand nicht durch Wetten auf Kursschwankungen oder Immobilienwerte. Im Februar 1637 steuerte die niederländ­ische ­„Tulpenmanie“ auf ihren Höhepunkt zu. Seit vier Jahren schossen die Preise für die­ ­unscheinbaren Knollen in fan­tas­tische Höhen. Doch der Traum vom schnellen und leichten Gewinn zerplatzte und die Finanzwelt erlebte ihren ersten Bör­sen­crash.

Langsam brach der Verkäufer in Angstschweiß aus. Drei Mal hatte er bereits seine Tulpenzwiebeln im abendlichen Schankkollegium (so wurde die Auktionsversammlung genannt) zum Verkauf angeboten. Den ursprünglichen Preis von 1.250 Gulden pro Pfund hatte er bereits auf 1.000 Gulden gesenkt – im Vergleich zu den vorangegangenen Tagen ein Schnäppchen. Aber auch für dieses Angebot fand sich unter den anwesenden Auktionsteilnehmern kein Interessent. Die meisten von ihnen hatten in den letzten Tagen vergleichbare Summen bezahlt, in der Absicht, durch die zu erwartende Wertsteigerung ihre Tulpenzwiebeln mit deutlichem Gewinn wei­ter­ver­kau­fen zu können. Und heute: immer noch kein Gebot. Ein Ruck ging durch die Ver­samm­lung und plötzlich wurde es laut. Die immer wilder gestikulierenden Männer kannten alle nur noch ein Ziel: verkaufen!
So ähnlich muss man sich den Dienstagabend des 3. Februar 1637 vorstellen, als in einem Haar­lemer Gasthof zum ersten Mal eine Zwiebelauktion platzte. Innerhalb der nächsten zwei bis drei Monate verloren die meisten Tulpenzwiebeln bis zu 95 Prozent ihres Wertes. Mehrere Milli­onen Gulden an Kapital wurden so vernichtet. Tausende von Kleinanlegern und Spekulanten, von zeitgenössischen Kritikern abschätzig als „Floras Narrenkappen“ (nach einer angeblich im antiken Rom zur Göttin der Blumen erhobenen Kurtisane) bezeichnet, standen vor dem finanziellen Ruin.
Wirtschaftlich und kulturell befanden sich die Niederlande im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts im sogenannten Goldenen Zeitalter. Die Kaufleute suchten nach Investitionsmöglichkeiten für den erwirtschafteten Gewinn. Tulpen, seit den 1560er Jahren in den Niederlanden bekannt, waren noch keine Massenware, und für seltene Sorten wurden hohe Preise gezahlt. Der wirtschaftliche Boom führte dazu, dass bald auch Geringverdiener kleine Vermögen sparen oder investieren konnten. Gleichzeitig machten die steigenden Preise die Tulpenzwiebel als vermeintlich selbstwachsende Investition für Anleger und Spekulanten attraktiv. Im Jahr 1633 trat erstmals der Fall ein, dass Tul­pen­zwie­beln als geldwertes Zahlungsmittel im Immobilienverkauf eingesetzt wurden. Mittlerweile wirkte sich der Preisanstieg nicht mehr nur auf die seltenen Exemplare aus. Sogar die einfachen Zwiebeln wurden ab 1634 immer teurer, die Tulpe wurde durch Neuzüchtungen zur Massenware.
Ab Herbst 1635 begannen die Niederländer, mit den noch im Boden befindlichen Zwiebeln zu spekulieren. Die zuvor real gehandelten Tulpenzwiebeln wurden so durch Options- und Schuldscheine ersetzt. Die Gewinnerwartungen führten zur Entstehung eines Terminmarktes, was Kleinanleger wiederum zu kreditfinanzierten Ankäufen verführte. Die neue Praxis, die Zwiebeln statt nach Zahl nach Gewicht zu bewerten, steigerte deren Wert zusätzlich. Von nun an schossen die Preise in die Höhe, was sich zur Jahreswende 1636/37 durch den exorbitanten Zustrom neuer Kleinanleger noch einmal potenzierte. Zu diesem Zeitpunkt gingen in den Niederlanden min­des­tens 5.000 Züchter und Floristen dem Tulpenhandel nach – bei insgesamt rund zwei Millionen Einwohnern. Ein einziges Exemplar der Sorte „Viceroy“ kostete zu diesem Zeitpunkt 2.500 Gulden – der Gegenwert von: zwei Wagenladungen Roggen, vier Mastochsen, vier Mast­schwei­nen, zwölf Schafen, vier Fässern Bier, zwei Fässern Wein, 1.000 Pfund Käse, einem Bett, einem Silberbecher und einem Anzug, wie ein damaliger Autor auflistete. Zum Vergleich: In den 1630er Jahren betrug der Jahreslohn eines Amsterdamer Tuchmachers 250 Gulden, der eines mittleren Kaufmanns 1.500 Gulden. Noch am 5. Februar 1637 wurde beim Verkauf einer Zwiebelsammlung ein Gesamterlös von 90.000 Gulden erzielt – dem ungefähren Wert von acht großen Kaufmannshäusern in Amsterdam.
Diese Summe markierte zugleich das Ende der Manie. Bereits zwei Tage zuvor war es zu den ersten Zusammenbrüchen gekommen. Im Nachhinein betrachtet existierten dafür zwei wesent­liche Gründe: Erstens fehlte es durch den vermehrten Handel einfacher Knollen ab Februar 1637 an Vorräten, und die Neuzüchtungen deckten den Bedarf nicht. Gleichzeitig blieb neues Kapital aus, da sich Neueinsteiger die einfachen Zwiebeln nicht mehr leisten konnten. Zweitens verkauften zu diesem Zeitpunkt einige Großhändler ihre Bestände und entzogen so dem Markt Kapital. Der Mangel an neuer Ware und Geld nahm dem gesamten Handel die Substanz. Da es, im Gegensatz zu den qualitativ hochwertigen, für gewöhnliche Tulpen keine Käufer mehr gab, beschleu­nigte sich der Preisverfall. Diejenigen, die auf Kredit investiert hatten, zogen verzweifelt ihr Geld aus dem Markt. Es kam zu panikartigen Verkäufen, die potenzielle Käuferzahl sank, die Preise er­reich­ten einen Tiefpunkt.

Der Zusammenbruch des Tulpenhandels 1637 weist das Schema eines klassischen Bör­sen­crashs auf. Da die Tul­pen­zwie­beln allerdings nicht an der Börse, sondern nur am Rande des niederländischen Wirtschaftssystems gehandelt wurden, blieben die Auswirkungen auf die direkt Involvierten beschränkt. Gerichtlich ver­ord­nete Annullierungen vieler Verträge und die Liquidierung des Großteils der Schulden durch die Vereinbarung einer Ablösesumme be­wirk­ten, dass bereits 1639 die meisten Streit­fäl­le beigelegt worden waren. Zurück blieb schon bei den Zeitgenossen das Gefühl für einen gewissen Epochencharakter der Ereignisse. Bis heute gilt die Tul­pen­ma­nie als die erste in einer Reihe von Speku­lations­blasen.

Fotos: nicoolay, Katsumi Murouchi, mashuk / Getty Images

 

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