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Legal Tech bietet viel

Sicht der Rechtsberatung

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Legal Tech ist der Trend im Rechtsberatungsmarkt. Hinter dem Begriff verbirgt sich die Nutzung von Software-Techno­logie für nahezu alle Bereiche der Rechtsdienstleistung.

Also auch die Anwälte. Als die Presse anfing zu berichten, wie sehr die Digitalisierung die Arbeitswelt verändern würde, dachte man an Sprachprogramme, die den Job von Übersetzern übernehmen, oder an Internetportale zur Wohnungsvermittlung, die Makler arbeitslos machen würden. Wer ein wenig kühner war, stellte sich selbstfahrende Autos vor, die allenfalls Taxifahrer mit Sorge betrachten müssten. Schon bald war aber klar, dass auch die Arbeitswelt der Juristen betroffen sein würde – Stichwort Legal Tech. Galten früher die Jurastudenten, die sich mit EDVRecht beschäftigten, als Nerds, sind Legal Tech Lawyer heute cool.

Spätestens seit 2016 ist Legal Tech in Deutschland angekommen und ein regelrechter Hype. Kaum eine Veranstaltung kommt derzeit ohne dieses Label aus, Fachzeitschriften und Tagespresse berichten regelmäßig. So jung das Thema ist, lässt sich doch schon eine Wellenbewegung ausmachen. Die anfangs skizzierten Szenarien waren eher düster und lauteten, die Arbeit von Anwälten würde demnächst von Maschinen erledigt (dann hätten sich die Taxifahrer wirklich sorgen müssen!). Heute liegt der Fokus eher auf den Chancen durch Digitalisierung – für Mandanten und Anwälte. Mandanten erhielten besseren Zugang zum Recht (Access to justice), die anwaltliche Dienstleistung werde besser, man bekomme als Anwalt sogar bessere Mandanten.

Kurzfristig überschätzt, langfristig unterschätzt

Abwarten und Tee trinken ist kein guter Rat.

Ist also alles in Ordnung? Keineswegs. Denn auch wenn Legal Tech durchaus Chancen birgt, bleibt es eine sportliche Herausforderung für die Anwaltschaft. Abwarten und Tee trinken ist an dieser Stelle kein guter Rat. Für die Digitalisierung dürfte, ebenso wie für andere Technologien, gelten: Die Auswirkungen werden kurzfristig überschätzt, aber langfristig unterschätzt. Mit anderen Worten: Anwälte werden nicht von heute auf morgen durch Software oder Roboter ersetzt werden. Aber auf lange Sicht wird sich die Art und Weise, wie eine Rechtsdienstleistung in Zukunft erbracht wird, deutlich ändern. Denn eines hat Legal Tech schon jetzt bewirkt: Es hat den Gedanken aufgebracht, dass rechtliche Beratung und Vertretung nicht zwingend kompliziert, langwierig, teuer und insgesamt oft unerfreulich sein muss – und auch, dass sie nicht unbedingt von Anwälten erbracht werden muss. Längst bieten Legal Techs, also Start-ups auf dem Gebiet der Rechtsdienstleistung, im Internet unkompliziert, rasch und kostentransparent ihre Dienste an. Sowohl auf Gebieten, auf denen bislang Anwälte kaum tätig waren, wie etwa bei der Erstattung bei Verspätung und Ausfall von Flügen oder Reisen mit der Deutschen Bahn als auch zum Beispiel in Domänen von Ver­kehrs­anwälten, etwa bei Verstößen im Straßenverkehr – ob für zu schnelles Fahren oder in England bei Knöllchen fürs Falschparken. Einige Kanzleien nutzen bereits Legal Tech in verschiedenen Varianten – sie beraten über eigene Online-Portale, geben die Mög­lich­keit, rechtliche Risiken über einen IT-gestützten Frage- Antwort-Dialog ein­zu­schätzen, nutzen Chatbots oder bieten Rechtsrat auf der Grundlage von künstlicher Intelligenz an.

Schauen wir uns also Legal Tech näher an. Der Begriff Legal Tech verknüpft die Worte Legal (rechtlich, juristisch, gesetzlich) mit Tech, kurz für Technology (Technik, Tech­no­logie) – zwei Begriffe, die man noch vor einigen Jahren kaum zu­sam­men­ge­bracht hätte (außer den Jurastudenten, die sich schon in den 1980er-Jahren für EDV-Recht interessiert haben). Legal Tech sind, so die deutschsprachige Wikipedia, Software- und Online- Angebote, die juristische Arbeitsprozesse unterstützen oder vollständig auto­matisiert durchführen. Diese Definition macht schon klar, wie vielfältig die Möglichkeiten sind, die Legal Tech bietet.

Die unterschiedlichen Technologien

Will man Legal Tech handhabbar machen, kann man zunächst nach Technologien kategorisieren. Hier gibt es, zugegeben ein wenig vereinfacht, drei Gruppen: Da wäre einmal die Software, die den Anwalt bei seiner Arbeit unterstützt. Der wichtigste Trend dürfte hier die Automation von Kanzleiprozessen bei der Mandatsbearbeitung sowie von Dokumenten selbst sein. So sollen Dokumenten-Management-Systeme Schriftsätze oder Verträge erkennen und durchsuchen können. Während diese Technologie für Bilder schon sehr weit gediehen ist, ist die Texterkennung viel schwieriger, und es wird schätzungsweise noch einige Jahre dauern, bis die Software wirklich mit Text umgehen kann. Zudem ist der Einsatz solcher Systeme erst ab einer gewissen Menge an durchsuchbaren Dokumenten sinnvoll. Die zweite Kategorie sind Plattformen, die Anwälte mit Mandanten vernetzen und über die Anwälte auch Rechtsrat, oft zum Festpreis, anbieten. Rechtsuchende können also bequem zu jeder Tageszeit von zu Hause aus anwaltliche Beratung shoppen, so wie sie es von Amazon, Ebay oder anderen Internetshops gewohnt sind. Weitere Plattformen bieten Dienstleistungspakete an, zu denen – ähnlich wie auf einem elektronischen Arbeitsmarkt – auch Anwälte und anwaltliche Dienstleistungen zum Beispiel projektbezogen vermittelt werden. Nicht zuletzt gibt es Recruiting-Plattformen – eine logische Konsequenz für die Generation der Digital Natives, für die nicht vorhanden ist, wer nicht im Netz aufzufinden ist. Eine dritte Kategorie sind Angebote im Internet, die Rechtsdienstleistungen in weiten Teilen ohne anwaltliches Zutun selbst erledigen. Neben den schon erwähnten Portalen für Fluggäste oder Bahnkunden werden Bußgeldbescheide geprüft, Verträge mit Mobilfunkanbietern oder Fitnessstudios gekündigt. Auch individualisierte Rechtsdokumente können im Netz erstellt werden, indem der Nutzer durch einen strukturierten Frage-und-Antwort-Dialog geführt wird.

Adressaten von Legal Tech

Eine andere Unterscheidungsmöglichkeit ist die nach dem Adressaten der Angebote: Wenden sie sich an Rechtsuchende (wie die gerade genannten Portale im Internet) oder an Anwälte? Dienstleistungen für Anwälte kann man, obwohl häufig in umfangreichen Paketen angeboten, noch weiter unterteilen. Sie können bei der Akquise unterstützen, bei der Kommunikation mit dem Mandanten, bei der konkreten Mandatsbearbeitung (etwa die schon genannte Dokumentenautomation), der Abrechnung oder eben bei Arbeiten außerhalb des Mandats (zum Beispiel bei Recruiting und Kanzleiorganisation). Diese Unterscheidung kann hilfreich sein, wenn man sich als Anwalt überlegt, an welcher Stelle Legal Tech eingesetzt werden kann. Hierzu empfiehlt es sich, die Pro­zesse in der Kanzlei daraufhin zu analysieren, an welcher Stelle man mithilfe von Technik schneller und damit günstiger werden kann.

An der Schwelle zu Legal Tech 3.0

Nicht zuletzt kann man nach dem Entwicklungsstand kategorisieren, also der Phase von Legal Tech, in der wir uns gerade befinden, wobei die Grenzen fließend sind. Als Legal Tech 1.0 kann man bezeichnen, was anwaltliche Arbeit unterstützt, ohne die Rechts­beratung maßgeblich zu verändern. Hierzu zählen etwa die IT in der Kanzlei, die heute überall Standard sein dürfte, sowie zum Beispiel die genannten Plattformen, die Anwälte und Mandanten verbinden. Demgegenüber ist Legal Tech 2.0 disruptiv und macht anwaltliche Dienstleistung durch Automatisierung überflüssig. Zu dieser Kategorie zählen vor allem Angebote, die neue Geschäftsfelder eröffnet haben, wie die oben erwähnten Internetportale für Ansprüche gegen Fluggesellschaften und die Deutsche Bahn. Legal Tech 2.0 sind aber auch Chatbots, also textbasierte Dialogsysteme, die automatisiert rechtliche Einschätzungen erzeugen, wie etwa der Chatbot von Joshua Browder, der in Großbritannien Flüchtlingen dabei hilft, ihre Asylanträge auszufüllen. Auch die Prognose, wie eine Gerichtsentscheidung ausgeht (Predictive Analytics) wird bereits automatisiert angeboten. Im Oktober 2017 hat ein Legal-Tech-Start-up aus Großbritannien die Erfolgsaussichten für Ansprüche aus unseriöser Beratung von Finanzprodukten mit beinahe 87 Prozent Richtigkeit vorhergesagt. Die Vergleichsgruppe der Anwälte hatte die Entscheidung zu knapp 63 Prozent zutreffend prognostiziert.

Legal-Tech-3.0.-Anwendungen schließlich werden zur radikalen Neuordnung des Berufs führen – und daran wird kräftig gearbeitet. Erst im Oktober 2017 verkündete Ross Intelligence – Ross, der auf Basis der Watson-Technologie von IBM funktioniert, ist der bekannteste Roboteranwalt – dass man in zwei Finanzierungsrunden insgesamt 13 Millionen US-Dollar eingenommen habe, zur Veränderung der Legal Industry. Auch die den sogenannten Smart Contracts zugrunde liegende Blockchain wird derzeit aus­probiert. Bei der Blockchain werden Transaktionen dezentral und damit fast nicht mani­pulierbar gespeichert, sodass kein Mittler (wie eine Bank oder ein Notar) mehr not­wendig ist, sondern Transaktionen eben durch Smart Contracts automatisch ausgeführt werden können.

Rechtsfragen

Derzeit verhindert das anwaltliche Berufsrecht noch, dass Anwälte dieselben Angebote machen können wie die Legal Techs, die sich unmittelbar an den Mandanten wenden. Denn viele dieser Anbieter arbeiten auf Erfolgsbasis – nur wenn der Kunde gewinnt, muss er für die Dienstleistung zahlen. Demgegenüber ist es Anwälten nur in engen Grenzen möglich, ein Erfolgshonorar zu vereinbaren, und die Legal-Tech- Dienst­leis­tungen dürften in aller Regel nicht zu den Fällen gehören, in denen das möglich ist. Darüber hinaus stellen sich, wollen Anwälte Legal Tech im Umgang mit dem Mandanten nutzen, versicherungs-, haftungs- und steuerrechtliche Fragen.

Auch manche Legal Techs arbeiten hart an der Grenze des Erlaubten oder loten die rechtlichen Möglichkeiten für ihr Angebot aus. Bei ihrem Geschäftsmodell stehen konsequent der Mandant im Vordergrund und das Recht erst an zweiter Stelle, wenn überhaupt. Es gibt erste Anzeichen, dass dies Auswirkungen hat und das Rechts­dienst­leistungs­gesetz auf lange Sicht angepasst werden könnte.

Ausblick

Das Ende der Anwälte steht zwar nicht zu befürchten. Der Markt der Rechts­dienst­leistungen wird sich aber grundlegend ändern – vor allem auch, weil sich die Er­war­tungen der Mandanten infolge der Digitalisierung und durch die Angebote der Legal Techs wandeln.

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