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„Daran ist nichts Gutes!“

Reformation

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Geld und Geld­ge­schäften konnte Martin Luther nichts ab­ge­winnen. Der Ablass­handel war für ihn Aus­druck eines heuch­le­rischen Systems. Seine Kritik nagelte er vor 500 Jahren in Form von 95 Thesen an eine Kirchen­tür. Wenn es denn so war.

Voller Zorn schritt der aus Eisleben stammende Theologieprofessor zur Schlosskirche von Wittenberg, nahm einen Hammer und nagelte seine Thesen an die Kirchentür, 95 Thesen, um genau zu sein. Mit ihnen griff er Papst und Kirche an und läutete so den Beginn einer neuen Epoche der Menschheitsgeschichte ein. Wer kennt sie nicht, die Geschichte von Martin ­Luther und seinem Thesenanschlag vom 31. Oktober 1517? Mittlerweile wird zwar stark bezweifelt, dass sich die ganze ­Sache so abgespielt hat, aber die historische Bedeutung Luthers wird heute – 500 Jahre nach dem epoche­machenden Datum – nicht angezweifelt.
Dabei ging es dem 1483 geborenen Luther gar nicht um eine Spaltung der Kirche. Wie so oft war Geld beziehungsweise die Art und Weise, wie es eingenommen wurde, ein Streitpunkt. Was Luther zur Veröffentlichung seiner 95 Thesen veranlasste, war der Verkauf von Ablassbriefen. Der Handel mit dem Ablass hatte bereits eine jahr­hun­der­te­lange Entwicklung hinter sich. ­Ursprünglich diente er als Ergänzung des Beicht- und Bußsystems. Ablässe konnten die vom Priester auferlegten Bußfristen verkürzen und sogar vollständig erlassen – heutzutage kein Verkaufsargument mehr, aber für die damalige gläubige katholische Bevölkerung von entscheidender Bedeutung. Problematisch für Theologen wurde die Ablasspraxis dann, als sie nicht nur die Bußstrafen minderte, sondern die Sündenschuld komplett aufhob. Beichte und Buße drohten damit, irrelevant zu werden. Ein System, das bis zum Spätmittelalter immer befremdlicher und vor allem käuflicher wurde. So war es ab dem 14. Jahrhundert möglich, die Heilsgnaden, die mit heiligen Orten wie Rom oder Jerusalem verbunden waren und eine Pilgerfahrt erforderten, für die eigene Heimat­stadt zu erwerben. Ablässe konnten zudem nicht nur für Lebende, sondern auch für bereits Verstorbene ­gekauft werden. „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt“, entsprach einer weitverbreiteten Praxis des Ablasshandels.
Albrecht von Brandenburg, der Erzbischof von Mainz, griff 1517 auf den altbekannten und lukrativen Ablasshandel zurück, um mit der einen Hälfte der Einnahmen den Neubau des Petersdoms in Rom zu finanzieren. Die andere Hälfte benötigte er, um Kreditschulden zurückzuzahlen. Albrecht hatte sich beim illegalen Kauf von zwei Erzbistümern finanziell übernommen und wollte die jetzt auch noch anfallenden Strafgebühren an den Papst durch den Ablasshandel ausgleichen. Diese Aktion lies Luther wütend werden, auch wenn er von dem geplanten Verwendungszweck gar nichts wissen konnte. Mit seinen deshalb formulierten Thesen attackierte er nicht nur die Ablasspraxis, sondern auch die kirchlichen Institutionen. Luthers Empörung begann sich weiter auf den Papst und dessen Sitz in Rom auszudehnen, als dieser nicht wie erhofft gegen den in seinem Namen stattfindenden Ablasshandel vorging. Luthers Kritik fiel deutlich aus. Er bezeichnete den Papst als „Antichrist“, den Päpstlichen Stuhl als „Geiz- und Raubstuhl“, die Kurie als „Gewürm und Gewimmel“ und Rom als „Schindanger“, also als den Platz, an dem Tierkadaver verscharrt oder von Aasfressern gefressen wurden. Statt zum Wohle der Christenheit erließe der Papst Dekretalien „seinem unersättlichen Wanst gemäß“.
Luther selbst agierte bescheiden und akzeptierte für seine ­Werke weder Honorare noch Tantiemen, um sich nicht dem Vorwurf, seine Ideale seien käuflich, aussetzen zu müssen. Das luthersche Haushaltseinkommen wurde durch sein Gehalt als Professor, vor allem aber durch seine Frau bestritten. Katharina von Bora betätigte sich als Vermieterin, braute Bier und verkaufte Selbstangebautes auf dem Markt, um die letztlich achtköpfige Familie zu ­finanzieren – möglicherweise nicht weiter überraschend angesichts Luthers mehr als zwiespältiger Haltung allem Finanziellen gegenüber. Geld sei „das Wort des Satans“ und der Zinskauf „das größte Unglück der deutschen Nation“, dennoch ein notwendiges Übel, dem man einen Platz innerhalb der Welt einräumen müsste: „Wucher muß sein, aber wehe den Wucherern“. Anders der Ablasshandel, der für ihn nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar war: „Ablässe sind eine Schande bringende Erfindung römischer Heuchler!“
Die fundamentale Kritik an den bestehenden Zuständen ist nicht der einzige Grund, warum man Luther gerne als einen der Wegbereiter in eine neue Epoche tituliert. Kritik gab es vorher schon. Neu waren besonders Sprache und Verbreitung. Er publizierte zunächst in Latein, der Gelehr­ten­sprache, wechselte aber rasch ins Deutsche, bis er der erste deutsche Autor war, dessen Schriften in andere Volkssprachen übersetzt wurden. Der aufkommende Buchdruck erlaubte eine schnelle und zahlreiche Auflage. Die Botschaft selbst: Allein der Glaube an Gott, allein dessen Gnade könnten Erlösung bringen, nicht aber ein vorgefertigtes Stück Papier, auf dem man nur den Namen des Käufers eintragen musste. Eine Botschaft, die ankam, und wie Luther es später beschrieb: „den Himmel zum Einsturz brachte und die Welt in Flammen aufgehen ließ.“

Foto: Imagno/Kontributor / Getty Images

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