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Ge­statten, mein Na­me ist Ross

Der Robo-Anwalt

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Die Automatisierung schreitet unaufhaltsam voran. Nachdem Roboter bereits Fertigungsbänder in Fabriken übernommen haben, sind sie nun auch in Büros, in der Verwaltung oder in Krankenhäusern anzu­treffen. Und im vergangenen Jahr stellte schließlich eine ameri­ka­ni­sche Anwaltskanzlei den ersten Roboterjuristen ein.

Wenn die Anwälte der Insolvenzabteilung von Baker & Ho-stetler am Rockefeller Plaza früh morgens die Arbeit aufnehmen, gilt für einen der Kollegen kein Krawattenzwang. Der Neuzugang im New Yorker Büro der Anwaltsfirma ist ein Roboter. Ross, wie der Robo-Anwalt heißt, kann juristische Texte lesen und verstehen und bezüglich Fragen Hypothesen entwickeln sowie Antworten generieren. Bei Baker & Hostetler besteht seine Aufgabe darin, sich durch Berge von Unterlagen, Gesetzbüchern und Anträgen zu wühlen, um für den aktuellen Fall alle relevanten Fakten zusammenzutragen. Da er eine künstliche Intelligenz besitzt, lernt Ross mit jedem Fall, den er bearbeitet, dazu und verfeinert seine Antworten. Der digitale Jurist ist dabei auch sehr um­gäng­lich. Seine Kollegen formulieren ihre Vorgaben in einfachen Sätzen, so wie sie junge Kollegen instruiert hätten, die jetzt als Researcher nicht mehr benötigt werden.

Vorerst kennt Ross nur US-Konkursrecht

Noch sind es nur Hilfsarbeiten, die Ross erledigt. Doch er wird besser, je mehr man mit ihm interagiert. Der Robo-Anwalt durchforstet das gesamte Recht und liefert Leseempfehlungen aus Gesetzgebung, Rechtsfällen und Sekundärquellen. Zudem beobachtet Ross das Gesetz rund um die Uhr, um seine menschlichen Kollegen über Gerichtsentscheidungen zu unterrichten.
Der Roboterjurist der Firma Ross Intelligence aus Palo Alto wurde auf Basis der Watson-Techno­logie von IBM entwickelt. Watson ist ein selbstlernendes System mit künstlicher Intelligenz und natürlicher Spracheingabe, das unter anderem auch als Robo-Doktor in Krankenhäusern zum Einsatz kommt. Momentan ist die juristische Plattform noch auf das amerikanische Konkursrecht beschränkt. Eine Ausweitung auf andere Bereiche, wie etwa das Urheber-, Arbeits- oder Steuerrecht, ist jedoch geplant, wie Andrew Arruda, der Gründer von Ross Intelligence, erklärt.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wann Roboterjuristen weitere Tätig­keits­felder besetzen werden. Für standardisierte Fälle etwa ist eine automatisierte Rechtsberatung denkbar, so im Erb- oder Verkehrsrecht. Die künstliche Intelligenz ist unbestritten auch im Kanzleiumfeld auf dem Vormarsch. In amerikanischen Büros gibt es schon Systeme, die Akten und andere Vor­gänge aufbereiten und so gut recherchieren, wie es sonst nur Praktikanten oder Fach­an­ge­stellte könnten. Die Software ist aber noch nicht in der Lage, selbstständig Gutachten zu erstellen oder komplexe Fälle zu bearbeiten, denn sie beherrscht noch nicht die juristische Technik der Fall­be­arbeitung.
Roboterjuristen könnten hier die Lösung sein. Sicherlich wird man sie irgendwann so pro­gram­mie­ren können, dass sie sich in eine konkrete Rechtsmaterie ein­ar­bei­ten und selbst­ständig einen Überblick über Gerichtsentscheidungen verschaffen, die für den jeweiligen Fall relevant sind. Das wirft natürlich die Frage auf, ob man menschliche Juristen dann überhaupt noch braucht.
Jedenfalls erhofft man sich von den Robo-Anwälten, dass sie zwei drängende Probleme der Praxis lösen werden. Zum einen könnten sie die teils horrenden Prozesskosten senken und weiteren Teilen der Bevölkerung den Zugang zur Rechtsberatung ermöglichen. Zum anderen könnten sie jungen Berufsanfängern die Chance bieten, sich in einer eigenen Kanzlei mit gemieteter Robo-Intelligenz selbstständig zu machen.
Auf der anderen Seite ist der Trend hin zum Roboterjuristen für Jurastudenten oder junge Anwälte eine eher schlechte Nachricht. Denn durch diese Form der künst­lichen Intelligenz wird der Einstieg in gewisse Kanzleien in absehbarer Zeit blockiert sein. Vor diesem Hintergrund darf man gespannt sein, wann eine humanoide Maschine erstmals im Gerichtssaal auftreten wird: „Gestatten, meine Name ist Ross, Vertreter des Angeklagten!“

Foto: Erik Dreyer/Getty Images

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