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Bahnbrechende Ideen

Für ein zollvereintes Deutschland

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Der Nationalökonom und Steuer­fach­mann Friedrich List (1789–1846) war an zwei Projekten ent­schei­dend be­tei­ligt, die die deutschen Einzel­staaten enger zu­sam­men­schweißten: am Deutschen Zoll­verein von 1834 und am Beginn des Eisen­bahn­baus seit 1835.

Bis im Jahr 1871 das Deutsche Kaiserreich und damit ein deutscher Nationalstaat entstehen konnte, dauerte es einige Zeit. Zwar waren seit 1815 39 Staaten im Deutschen Bund zu­sam­men­ge­schlossen, doch waren diese nur lose verknüpft und politisch weiterhin souverän. Die Annäherung der deutschen Staaten erfolgte zunächst auf wirtschaftlichem Gebiet: Der Deutsche Zollverein von 1834 und der Beginn des Eisenbahnbaus 1835 waren zwei entscheidende Neuerungen, die die Einzelstaaten stärker zusammenschweißten. Ein Mann war an beiden Projekten maßgeblich beteiligt: Friedrich List.
Der heutzutage für seine nationalökonomischen Theorien bekannte List wurde am 6. August 1789 in Reutlingen geboren. Wenig interessiert an Schule und elterlichem Betrieb schlug er mit 16 Jahren die Beamtenlaufbahn ein und begann, für die württembergische Verwaltung tätig zu sein. Dort erhielt er eine Ausbildung im Schreiber- und Steuerdienst und arbeitete in verschiedenen Städten. 1811 machte er zum ersten Mal auf sich aufmerksam, als er als sogenannter Substitut des Ulmer Stadtschreibers eine selbstständige Abhandlung über die Neuorganisation des Steuerwesens verfasste. Fünf Jahre später, 1816, wurde er Rechnungsrevisor, also Kassenprüfer, seiner Heimatstadt. Als solcher brachte er das Rechnungswesen der Stadt grundlegend auf Vordermann. Dies beeindruckte seine Vorgesetzten in der übergeordneten Kommunalsektion in Stuttgart. Als ausgewiesener Zoll- und Steuerfachmann anerkannt übernahm Friedrich List für einige Zeit sogar den ersten Lehrstuhl für Staatsverwaltungspraxis in Tübingen.

Abgaben behinderten den Handel im Bund

„Der Zollverein und das Eisenbahnsystem sind siamesische Zwillinge, zu gleicher Zeit geboren, körperlich aneinander gewachsen …“

Bereits früh in seiner wirtschaftspolitischen Karriere trat Friedrich List vehement für einen gemeinsamen deutschen Binnenmarkt ein. Nach seinem Austritt aus dem Staatsdienst 1819 war er als Berater für den Deutschen Handels- und Gewerbeverein tätig. In dieser Funktion – er vertrat immerhin 5.000 bis 6.000 zoll- und steuerpflichtige Kaufleute – verfasste er eine Bittschrift. Darin ersuchte er die Bundesversammlung, das oberste Organ des Deutschen Bunds, um die „Auf­he­bung der Zölle und Mauten im Innern Deutschlands“. Davon gab es zeitweise bis zu 1.800. Zölle konnten auf Märkten, an wichtigen Handelsrouten auf dem Wasser oder zu Land sowie bei der Einfuhr von Waren in ein Staatsgebiet erhoben werden. Die vielen Abgaben behinderten die wirtschaftliche Entwicklung und den Handel im Bund enorm.
Erste Vereinfachung brachte das preußische Zollgesetz von 1818, das zum ersten Mal einen einheitlichen Grenzzoll und einen Binnenmarkt für das Staatsgebiet Preußens vorsah. Diesem innovativen Zollsystem schlossen sich bis 1834 immer mehr kleine und mittlere deutsche Staaten an. Am Ende stand der Deutsche Zollverein, eine Freihandelszone mit 26 Millionen Einwohnern. Friedrich Lists Vorstellungen gingen sogar noch weiter: in Richtung Welthandelsfreiheit. „Nur alsdann werden die Völker der Erde den höchsten Grad des physischen Wohlstands erreichen, wenn sie allgemeinen, freien, unbeschränkten Handelsverkehr unter sich festsetzen“, schrieb er 1819 in einer Bittschrift. Doch dies blieb vorerst Wunschdenken. Die finanziellen Gewinne des „zollvereinten Deutschlands“ banden jedenfalls die Regierungen der Mitglied­staaten stärker aneinander. Nicht zu übersehen waren die wachstumsfördernden Effekte für Industrie und Handel. Die Zollverwaltungskosten gingen um die Hälfte zurück, während die Zolleinkünfte um durchschnittlich 90 Prozent stiegen. Die Mehreinnahmen dienten vor allem dazu, den wach­sen­den Finanzbedarf der Mitgliedstaaten zu decken.
Friedrich List widmete sich indessen dem Aufbau der deutschen Eisenbahn. Bevor Lists Zollideen nämlich überhaupt positiv aufgenommen wurden, geriet er wegen seines politischen En­gage­ments in Württemberg in Bedrängnis. Um einer Haftstrafe zu entgehen, wanderte er gemeinsam mit seiner Frau und seinen zwei Kindern 1825 für einige Zeit in die USA aus. Dort sah er mit eigenen Augen den Erfolg der Eisenbahn. Nach seiner Rückkehr 1830 propagierte List den Eisenbahnbau im Deutschen Bund. Er erkannte: „Der Zollverein und das Eisenbahnsystem sind siamesische Zwillinge, zu gleicher Zeit geboren, körperlich aneinander gewachsen (…) unter­stützen sie sich wechselseitig, streben nach einem und demselben großen Ziel, nach Vereinigung der deutschen Stämme zu einer (…) Nation.“ Sein Engagement schuf wichtige Grund­lagen, die den Eisen­bahn­bau, den Leitsektor der industriellen Revolution, in Deutschland überhaupt erst möglich machten.

Visionäre Ideen für Europa

Friedrich List vertrat seine Ideen in einer Vielzahl von Publikationen und auf Reisen im In- und Ausland. 1841 veröffentlichte er sein volkswirtschaftliches Hauptwerk, Das nationale System der politischen Oekonomie, für das er über seinen Tod hinaus berühmt geworden ist. Vier Jahre später schlug er die Gründung eines deutschen Nationalstaats vor. Tatsächlich erlebte er aber weder dessen Verwirklichung noch den durchschlagenden Erfolg des Zollvereins. Im Herbst 1846 nahm sich List im Alter von 57 Jahren in Kufstein das Leben. Laut Arztbericht aus „Schwermut“, wie damals Depressionen genannt wurden. Inzwischen sind Lists visionäre Ideen aber nicht nur auf nationaler, sondern auch auf europäischer Ebene durch den gemeinsamen europäischen Binnen­markt verwirklicht. Und auch die Steuerberatung, Lists erste große Leidenschaft, hat sich als international ausgerichtetes Berufsfeld etabliert.

Foto: picture alliance/akg

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