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Das Recht in Prosa

Der Sachsenspiegel

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Der Schöffe und Lehns­mann Eike von Repgow hatte genug. So viele Regeln und Gesetze, münd­lich über­liefert und nicht sys­te­ma­ti­siert, die es zu beachten galt. Also setzte er sich hin und schrieb das da­malige Ge­wohn­heits­recht auf.

Der berühmte „Spiegel der Sachsen“ entstand zwischen 1220 und 1235. Ob Eike von Repgow tatsächlich aus eigenem Antrieb den Sachsenspiegel schrieb, um seine beziehungsweise die Arbeit anderer am Gericht zu erleichtern, oder im Auftrag seines Herrn, des Grafen Hoyer von Falken­stein, lässt sich nicht zweifelsfrei klären. Seine Lebensdaten sind ebenfalls nicht ganz klar: vermutlich im Jahr 1180 geboren, lebte er mindestens bis 1233. Damals gab es je nach Region und Personenkreis unterschiedliche Landrechte, Stadtrechte oder Ortsrechte sowie eine Vielzahl weiterer Regeln. Diese Rechte waren kaum schriftlich fixiert, sondern vor allem mündlich überliefert, also nicht wirklich systematisiert. Bei diesen tradierten Rechten handelte es sich um Gewohnheitsrechte, die sich über die Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte hinweg entwickelt und bewährt hatten. Die Rechtsprechung lag in den Händen von Laien, die, wir ahnen es, wiederum an lokal unterschiedlichen Instanzen beziehungsweise Gerichten tätig waren. Doch wurden erste Schritte unternommen, eine neue Rechtskultur zu etablieren.

Eike von Repgow schuf nicht nur ein literarisch, sondern auch ein juristisch bedeutendes Werk.

Der wichtigste war besagter „Spiegel der Sachsen“ von Eike von Repgow. Als Spiegel verstanden die Zeitgenossen einfach eine Textsammlung zu einem bestimmten Thema, die damit einen vergleichenden Überblick bot. Wir kennen den Ausdruck auch noch, etwa beim Pressespiegel. Ursprünglich wohl in Latein, erschienen auch mehrere deutsche Fassungen des Sachsenspiegels, manche davon mit einer in Reimen verfassten Vorrede. Er ist damit eines der ersten auf Deutsch verfassten Prosawerke und eines der ältesten Rechtsbücher des Mittelalters. Durch seine Anwendung etablierte sich der Sachsenspiegel in der Folge als gültige Rechtsquelle. Er fand bis in die Niederlande und das Baltikum hin Verbreitung und diente als Vorlage und Quelle für weitere deutsche Rechtsbücher, zum Beispiel für den Schwabenspiegel. Von Repgow schuf also nicht nur ein literarisch, sondern auch ein juristisch bedeutendes Werk.

Rechte und Pflichten der Fürsprecher

Der Sachsenspiegel beinhaltet im Wesentlichen zwei Rechtsgebiete: das Landrecht sowie das Lehnsrecht. Während das Landrecht grob die Themenbereiche der heutigen Gesetzbücher GG, BGB und StGB, wie zum Beispiel Strafrecht oder Verfassungsrecht, umfasst, ist das Lehnsrecht die damalige Form des Verwaltungsrechts, das das Verhältnis zwischen Lehnsherren und Vasallen regelt. Auch das Thema Steuern darf in einem damaligen Rechtsbuch nicht fehlen. „Jedermann klage, was ihn beschwert, mit seinem Fürsprecher, damit er keinen Nachteil erleidet“, heißt es im Sachsenspiegel, und Steuern „beschwerten“ die Bevölkerung. Unter Steuern fiel im früheren Verständnis gewissermaßen alles, was in Form von Geld, Naturalien oder Frondiensten an eine übergeordnete Instanz wie Landesherrn, König oder Kirche entrichtet werden musste. Gerade aufseiten der bäuerlichen Bevölkerung gab es das Bedürfnis nach einem Rechtsbeistand, der ihnen bei Streitfällen behilflich war. Und Streitfälle gab es genug, etwa wenn es um die Quantität sowie Qualität der abgelieferten Waren ging (weniger Korn wegen schlechtem Wetter), Liefertermine nicht eingehalten (Termin fiel auf einen Feiertag) oder als Strafe Zinsen (wegen angeblich ver­säumter Abgabe) verlangt wurden.
Im Sachsenspiegel standen auch die Rechte und Pflichten des Fürsprechers, der dezidiert als Organ der Rechtspflege verstanden wurde – so wie dies heute in der Berufsordnung der Steuerberater und Steuerbevollmächtigten verankert ist. Und wie heute sollte der mittelalterliche Rechts­bei­stand dem Otto Normalbürger von damals helfen, genau das an Steuern zu zahlen, was rechtens war – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Weitere Bestimmungen des Sachsenspiegels kommen uns bekannt vor: Der Fürsprecher hatte „unbescholten“ zu sein und durfte für seine Arbeit vor Gericht ein Honorar verlangen. „Mann“ musste sich außerdem bei der Tätigkeit an das Lehnsrecht sowie das Landrecht halten – Frauen war die Funktion des Rechtsbeistands nämlich ausdrücklich untersagt. Im Sachsenspiegel wird dies mit einem angeblichen Vorfall vor Gericht in der Antike begründet. Während der Königszeit der Stadt Rom, also etwa in der Zeitspanne 753 bis 510 vor Christus, soll sich eine Dame namens Califurnia vor dem verehrten Gericht dermaßen un­ge­büh­rend verhalten haben, dass Frauen vor Gericht fortan nicht mehr zugelassen waren. Durch den Erfolg und die Vorbildfunktion des Sachsenspiegels war es Frauen bald im gesamten deutsch­sprachigen Raum verboten, sich für die Bedürfnisse Dritter, wenig später sogar für ihre eigenen einzusetzen. Der Sachsenspiegel fand in einigen Teilen Deutschlands bis ins 19. Jahr­hundert hinein Anwendung und diente sogar noch im 20. Jahrhundert manchen Gerichten als Rechtsquelle. Es dauerte folglich, bis das weibliche Geschlecht eine bessere Stellung einnehmen konnte. Erst durch den Gleichberechtigungsgrundsatz in der Weimarer Reichsverfassung des Jahres 1919 änderte sich dies, und die Frau durfte nun auch einen Beruf in der Steuer- und Rechtsberatung ausüben – rund 700 Jahren nach ihrer Verbannung aus dem Gerichtssaal.

Foto: Britta Lauer for Bildarchiv Stadtbibliothek Duisburg

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