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Neue Arbeitswelt

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„Digitalisierung? Na klar!“, sagt Stefan Fichtl, Partner der SFS Steuer­be­ra­tungs­ge­sell­schaft mit 30 Mit­ar­bei­tern in Dachau. Na­tür­lich zieht das auch Ver­än­de­run­gen für seine Mit­ar­beiter und auch für ihn selbst mit sich. Aber Fichtl denkt an die Zukunft, und da gehören Ver­än­de­run­gen einfach mit dazu.

DATEV magazin: Wo steht die Branche heute aus Ihrer Sicht in Bezug auf die Digitalisierung?

STEFAN FICHTL: Die Branche nimmt Fahrt auf. Dokumentenmanagement ist ein Thema, das viele bewegt. Kanzleien, die mehr als zehn Mitarbeiter haben, treiben die Digitalisierung voran, bei kleineren Kanzleien passiert nach meinem Erachten hingegen weniger. Aber mit Unterstützung von DATEV sind wir auf einem sehr guten Weg.

DATEV magazin: Wie schätzen Sie die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Berufsstand ein?

STEFAN FICHTL: Es ist keine Frage mehr, ob ich digitalisieren will oder nicht, ich muss es tun. Denn sonst ist nach meiner Einschätzung in fünf bis zehn Jahren am Markt kein Bestehen mehr möglich. Mandanten werde ich nicht mehr wie heute bedienen können: Die Anforderungen durch Ämter, Kunden und so weiter sind andere geworden und werden sich auch weiterhin verändern. Behörden sind teilweise schon digitaler als der Mittelstand – daher sind wir schon viel weiter als die meisten denken. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist die digitale Betriebsprüfung durch die Finanzverwaltung, welche inzwischen gängige Praxis ist. Dennoch meiden viele Unternehmen die Beschäftigung mit dem Thema Digitalisierung. Dabei müssen bereits seit Januar 2002 Unter­nehmen ihre steuerlich relevanten Daten so archivieren, dass sie bei einer Betriebsprüfung jederzeit elektronisch verfügbar gemacht werden können.

DATEV magazin: Wo sehen Sie als Unternehmer Chancen?

STEFAN FICHTL: Chancen sehe ich zum einen darin, dass wir uns vom Mitwettbewerb abheben können. Zum anderen haben wir die Möglichkeit, unseren Mandanten andere Dienstleistungen anbieten zu können. Die Buchführungshonorare werden sich aufgrund fortschreitender Automatisierung drastisch reduzieren. Andererseits eröffnen sich neue Chancen, den Mandanten in anderen wichtigen Bereichen zu unterstützen, beispielsweise in der betriebswirtschaftlichen Beratung, in der Übernahme von Zahlungsverkehr und Mahnwesen oder auch in der Vermögens- und Vorsorgeberatung. Der Kreativität sollten hier keine Grenzen gesetzt sein. Der Berufsstand sollte sein hohes Ansehen und die Bindung zum Mandanten nutzen. Durch die Erweiterung der Dienstleistungen und die weitere Verbesserung der Serviceleistungen müssen wir es schaffen, aus unseren Mandanten Fans zu machen. Nur zu deklarieren, reicht schon lange nicht mehr – wir müssen begeistern.

DATEV magazin: Wo stufen Sie Ihre Kanzlei auf dem Weg zur digitalen Kanzlei ein?

STEFAN FICHTL: Bereits vor zehn Jahren begannen wir damit, Unternehmen online einzusetzen. Vor acht Jahren starteten wir mit DATEV DMS und nutzen außerdem DATEVasp. Wir sind vollständig digital. Wir haben außerdem alle Prozesse in DATEV ProCheck dokumentiert und uns dies auch durch die ISO-Zertifizierung und das DStV-Siegel bestätigen lassen. Demnach sehe ich die Kanzlei als fortgeschritten und in einer Ausbaustufe zum Vorreiter für digitale Transformation. Trotzdem sind wir weiterhin hungrig darauf, in diesem Bereich voranzukommen, denn bisher sehe ich es nur als einen weiteren Schritt, den wir in diesem großen Bereich Digitalisierung geschafft haben.

DATEV magazin: Beschreiben Sie kurz die neuen Rollen in Ihrer Kanzlei.

STEFAN FICHTL: Als Unternehmer sehe ich mich auch als einen Geschäftsfeldentwickler, der die in der Kanzlei vorhandenen Geschäftsfelder analysiert sowie eventuell neue innovative Geschäfts­felder aufgreift und somit konkrete, auf den Mandanten angepasste Geschäftsmodelle entwickelt. Je nachdem, wie groß die Kanzlei ist, kann dies der Steuerberater selbst sein oder ein Mitarbeiter, der den nötigen Freiraum dafür bekommt. Dass die Ideen umgesetzt werden, ist für den jewei­ligen Geschäftsentwickler, welcher die Umsetzung selbst begleitet, dabei auch wichtig.
Wir haben zudem qualifizierte Mitarbeiter, welche mit hoher fachlicher Kompetenz im Bereich technischer Digitalisierungslösungen die entsprechenden Maßnahmen zur Umsetzung neuer Prozesse beim Mandanten vor Ort implementieren und betreuen. Wenn ich in der Kanzlei digitalisiere, benötige ich die Rolle nicht. Wenn ich beim Mandanten digitalisiere aber auf jeden Fall, da ich nicht von heute auf morgen digitalisieren kann und die Mandanten meist nicht das notwendige Know-how haben, um die Digitalisierung zu meistern. Deswegen ist wichtig, dass der Mitarbeiter einen Kanzleihintergrund hat, er muss das Grundverständnis einer Steuer­be­ra­tungs­kanzlei, zum Beispiel zum Buchungssatz, haben, da wir sonst beim klassischen IT-Dienstleister wären. Hier spielt auch Zwischenmenschliches eine sehr wichtige Rolle, denn unser Mitarbeiter fährt hierfür etwa eineinhalb Tage in der Woche zum Kunden und richtet beim Mandanten die Prozesse vor Ort ein. In der restlichen Zeit übernimmt er die Neumandatsbetreuung.
Zudem kann ein Datenanalyst relevant sein. Wir machen uns Big Data bis jetzt viel zu wenig zunutze. Hier besteht Potenzial. Ein denkbarer Bereich hierfür ist das Controlling. Die Fragen dabei sind: Wie finanziere ich es? Welches Geschäftsmodell habe ich? Und welches Produkt kann ich daraus machen, das ich bepreisen kann? Wenn ich diese beantwortet habe, ist es durchaus ein Thema.
Wir als Steuerberater brauchen in einem sich verändernden Umfeld unsere Daseinsberechtigung. Diese besteht in meinen Augen nicht nur im Buchen, sondern ist eher als kaufmännische Beratung beziehungsweise Leitung zu sehen.

DATEV magazin: Wie werden sich die Rollen in der Kanzlei durch die Digitalisierung verändern?

STEFAN FICHTL: Der Steuerberater muss Unternehmer werden, sich aus der Produktion raus­nehmen und den Fokus mehr auf die Unternehmenslenkung setzen. Es muss Mitarbeiter geben, die zum Mandanten gehen und mit ihm an den Prozessen arbeiten, Mitarbeiter, die mit dem Kunden an den Daten kaufmännisch arbeiten und nicht nur buchen.

DATEV magazin: Bedeutet dies, dass die Aufgaben eine andere Gestalt annehmen?

STEFAN FICHTL: In der Tat. Beratung in betriebswirtschaftlichen Belangen, aber auch im angrenzenden Bereich wie dem Personalmanagement nimmt im Zuge der Digitalisierung eine immer größere Rolle ein. Mit 15 Prozent Umsatzanteil ist dieser Bereich heute für uns, aber vor allem für unsere Kunden ein entscheidender Bestandteil in unserem Portfolio. Auf unserem Entwicklungspfad war es wichtig, auf Spezialisierung zu setzen. Dies gilt in den klassischen Bereichen der Steuerberatung, da hier ein deutlicher Qualitätszuwachs zu erzielen ist, aber mehr noch in beratungsintensiven Geschäftsfeldern, nicht nur wegen der inhaltlich unterschiedlichen Ausrichtung und den damit zusammenhängenden Fähigkeiten der Mitarbeiter. Das von der Projektarbeit gekennzeichnete Geschäft stellt andere Anforderungen an die Mitarbeiter.

„Bei der Wahl der Auszubildenden achte ich darauf: Social-Media-Affinität sollte schon vorhanden sein.“

DATEV magazin: Was haben Sie getan, um Ihre Mitarbeiter auf Ihre neuen Rollen vorzubereiten?

STEFAN FICHTL: Die Mitarbeiter sind sehr gespannt, was Neues kommt. Einige Mitarbeiter, die langjährig in einer Kanzlei gearbeitet haben, für die Digi­ta­li­sie­rung und Innovation eher Fremdwörter waren, sind am Anfang etwas skeptischer. Wenn sie jedoch die Arbeitsweise erst einmal kennen, möchten sie diese nicht mehr missen und bleiben der Kanzlei als langjährige Mitarbeiter erhalten. Auch bei der Wahl der Auszubildenden achte ich schon darauf: Social-Media-Affinität sollte schon vorhanden sein. Man kann auch ohne diese Affinität ein guter Steuerfachangestellter werden. Aber wenn ein heute 17-Jähriger noch nie auf Facebook war, sollte er dies spätestens vor Beginn der Ausbildung nachholen.

DATEV magazin: Welche Schritte planen Sie als Nächstes, um die digitale Meisterschaft für Ihre Kanzlei auf den Weg zu bringen?

STEFAN FICHTL: Die Telefonie in der Kanzlei wird jetzt komplett digitalisiert – über Headset und PC. Es kostet natürlich alles Geld, aber nicht die Kosten, sondern das angestrebte Ziel – nämlich die vollständige Digitalisierung – sollte im Vordergrund stehen. Zudem kommt es nicht darauf an, ob das Alte noch funktioniert, es kommt darauf an, wie man sich weiterentwickeln kann. Ich kann jedem nur den Tipp geben, jetzt anzufangen. Nicht in einer Woche, oder in einem Monat, sondern jetzt!

Lesen Sie dazu auch den Beitrag über digitale Experten!

Foto: llhedgehogll / Getty Images

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