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Wein und Viktualien ohne Zoll und Accis

Das Betrugslexikon

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Anfang des 17. Jahrhunderts sah sich der Advokat und Publizist Georg Paul Hönn angesichts der schein­bar un­ehr­lichen Epoche dazu ver­an­lasst, ein eigenes Be­trugs­lexi­kon zu schreiben, das unter­schied­lichste (tat­sächliche oder ver­meint­liche) Delikte dieser Zeit detailliert erklärt.

Der schreibfreudige Jurist verheimlichte den Zeitgenossen seine wahre Identität, denn es wäre „nicht ratsam, vor das höchst odiöse Werck meinen Nahmen zusetzen, und dadurch mich bloß zu geben“. Heute kennen wir allerdings den Autor dieses außergewöhnlichen Buchs: Es war der Rechtsgelehrte und Publizist Georg Paul Hönn.

Der 1662 in Nürnberg geborene (und 1747 in Coburg verstorbene) Hönn arbeitete in Coburg unter anderem als Jurist und Archivar. Nebenbei publizierte er verschiedene juristische wie historische Werke – wie eben das Betrugslexikon, das nach der Veröffentlichung 1721 zu seinem erfolgreichsten Buch avancierte. Mehrere Neuauflagen und Nachdrucke folgten. Hönn scheint bei seiner täglichen Arbeit mit verschiedenen Rechtsfällen so mancher Betrügerei begegnet zu sein, vor denen er seine Mitmenschen schützen wollte. Er nannte nicht nur die Art und Weise des Betrugs, sondern auch die jeweilige Berufs- beziehungsweise Personengruppe, die diesen in der Regel ausführte. Dabei machte Hönn vor niemandem halt, was ihm vor allem die Gegnerschaft kirchlicher Kreise einbrachte. In den späteren Auflagen des Lexikons mussten deshalb die „Mönche“ und „Nonnen“ gestrichen werden. Letztere ließen beispielsweise, so gibt der Jurist vor zu wissen, „die Mönche und andere Liebhaber, in Coffren oder anderen Behältern in Kloster bringen … und nach gepflogenen Vergnügen, sie auf gleiche Weise wieder hinaus schaffen“. Neben dem Klerus reichte die Liste von „Abgesandten“ und „Comoedianten“ über „Gymna­sias­ten“ und „Papiermacher“ bis hin zu „Schlittenfahrern“ und „Todtengräbern“.

Mit den Einnahmen aus dem Staub gemacht

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Gerade das Thema Steuern bot, neben oben ge­nann­ten mo­ra­lischen wie sitt­li­chen Ver­feh­lun­gen, reich­lich Stoff für das Be­trugs­lexi­kon. Ab­ge­sandte bei­spiels­weise, die be­rufs­be­dingt viel unter­wegs waren, ver­such­ten oft, „Weine und andere Vic­tua­lien“ ohne Zoll und „Accis“ in eine Stadt zu bringen, um sie dort dann heim­lich zu ver­kaufen. Bei „Accis“, also Ak­zise, handelte es sich um eine in­di­rekte Steuer – eine Ver­brauchs­steuer oder einen Bin­nen­zoll, der auf Grund­nah­rungs­mittel, Le­bens­mit­tel und Ge­nuss­mittel, darunter auch Wein, er­ho­ben wurde. Als Gegen­maß­nah­men zu diesen Be­trüge­reien rät Hönn, als Ge­sandte nur Gott fürch­ten­de sowie treue Räte zu er­nen­nen. Noch besser sei es, die Ge­sand­ten durch Ver­traute kon­trol­lie­ren zu lassen, um sie im Fall der Fälle sofort zurück­rufen zu können. Die Akzise diente auch noch in an­de­ren Fällen als Mo­vens zur Be­trü­ge­rei. Die Per­so­nen­gruppe der „Accis-Ein­neh­mer“ etwa war eben­falls eine für Be­trü­ge­reien prä­des­ti­nierte Gruppe. Diese Steuer­be­am­ten hatten die Auf­gabe, die Steuern oder Zöl­le direkt am Stadt­tor zu er­he­ben. Manche hatten das Recht zur Ein­trei­bung der Steuern von der Stadt ge­pach­tet und wur­den so­mit von nie­man­dem kon­trol­liert. Die Miss­brauchs­ge­fahr war ent­spre­chend hoch. Eine Art des Be­trugs der „Accis-Ein­neh­mer“ war, dass die Steuer­be­am­ten von Händ­lern be­stochen wurden, damit sie diese ohne Ak­zise in die Stadt ließen. Außer­dem ver­lang­ten sie von aus­wär­ti­gen oder un­wis­sen­den Per­so­nen zu hohe Steuern und steck­ten sich den Über­schuss in die eigene Tasche. Ähn­lich war es, wenn sie ei­gent­lich steuer­be­reite Per­so­nen dazu dräng­ten, Steuern zu be­zah­len. So manch ein Steuer-Ein­neh­mer machte sich auch mit den ge­sam­ten Ein­nah­men aus dem Staub. Als Mittel zur Vor­beu­gung schlägt Hönn vor, die Rech­nun­gen der „Accis-Ein­neh­mer“ scharf zu unter­suchen und am besten eine be­son­dere Ak­zise­ord­nung ein­zu­führen, welche als Grund­lage für Be­stra­fun­gen dienen könnte.

Kontrollen für Schankwirte und Bierbrauer

Der Publizist Georg Paul Hönn nahm keine Gesellschaftsgruppe seiner Zeit aus.

Ebenfalls zu den potenziellen Betrugskandidaten zählten Bierbrauer und Bierwirte, zwei Per­so­nen­gruppen, die – wenn sie quasi nicht gerade das verdorbene Bier mit „Poth-Asche, Schaf-Därmen, Kreide und andern eckelhafften Dingen mehr“ vermengten – die Akzise zu umgehen suchten. Da ja auf Genussmittel Akzise gezahlt werden musste, haben Bierbrauer scheinbar gerne darauf zurückgegriffen, in Wasch- oder Hauskesseln heimlich Bier zu brauen, um sich vor den Steuern zu drücken. In geheimen Absprachen einigten sie sich dann mit den Bierwirten, dass diese mehr Gerste aufschütteten oder mehr Wasser aufgossen, als nach der Brauordnung genehmigt war. Hönns Vorschlag: mehr Kontrollen und jeweils eine eigene Ordnung für Schankwirte und Bier­brauer. Vor dem Zahlen von Steuern drücken sich die Menschen schon so lange, wie es sie gibt. Hönn indessen wurde vorgeworfen, mit seinem Lexikon eher eine Anleitung für illegale Hand­lungen zu liefern, als diesen vorzubeugen. Wer nun aber darauf spekuliert, in dem Buch tat­säch­lich Tipps und Tricks zur Steuererleichterung zu finden, wird, auch wenn uns manche Steuer­de­likte noch immer bekannt vorkommen, enttäuscht sein. Eine Anleitung zur Steuer­un­ter­schla­gung mithilfe eines Schweizer Nummernkontos sucht man etwa vergebens. Hönn ging es in seinem Buch vielmehr um Gesellschaftskritik, von der er keine Gesellschaftsgruppe seiner Zeit ausnahm. Und auf den Vorwurf, sein Buch sei eine Anleitung zum Betrug, mahnte er dessen rechten Gebrauch an und schrieb: „Der HERR, bey welchem kein Betrug iemalen zu finden ge­we­sen, lasse diese Entdeckung denen Betruegern zur Reue und Nimmerthun, denen Be­tro­ge­nen zu kuenf­ti­ger besserer Vorsichtigkeit, denen Unbetrogenen zu einem Kennzeichen sich vor solchen Fallstricken zu hueten, gereichen, die Gegen-Mittel aber, besonders bey Herren und Oberen, zur Abstell- und Vorbeugung solcher Betruegereyen gesegneten Ingress finden …“

Die Illustration „Der Spieler“ erschien 1958 in einem Reprint von Georg Paul Hönns Betrugslexikon.

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