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Eine außer­ge­wöhn­liche Karriere

Beruf

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Als Tochter alevitischer Kurden kam Muhterem Aras 1978 im Alter von 12 Jahren nach Deutsch­land. Als erste Muslimin in Baden-Würt­tem­berg er­öff­nete sie im Jahr 2000 eine Steuer­be­ra­ter­kanz­lei und ist seitdem DATEV-Mitglied. Zudem en­ga­giert sie sich poli­tisch und wurde im Mai zur Land­tags­prä­si­den­tin in Baden-Württemberg gewählt.

DATEV magazin: Herzlichen Glückwunsch zur Wahl der Landtagspräsidentin in Baden-Württemberg. Neben der Politik betreiben Sie auch eine Steuerberatungskanzlei – wie kamen Sie denn zur Steuerberatung?

MUHTEREM ARAS: Vielen Dank. Nach dem Hauptschulabschluss habe ich die Wirtschaftsschule besucht und danach das Wirtschaftsgymnasium in Stuttgart. Vielleicht etwas ungewöhnlich habe ich im Alter von 20 Jahren in der 11. Klasse geheiratet. Nach dem Abitur habe ich überlegt, welchen Studiengang ich wählen soll. Und da ich im Raum Stuttgart bleiben wollte und vom Wirtschaftsgymnasium kam, habe ich mich für das Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hohenheim entschieden.

DATEV magazin: War es zu diesem Zeitpunkt schon Ihr Ziel, Steuerberaterin zu werden?

MUHTEREM ARAS: Nein, überhaupt nicht. Bis zum Vordiplom hatte ich noch nicht wirklich eine Idee, was ich mit diesem Studiengang anfangen könnte. Da ich mich im Hauptstudium für eine Richtung entscheiden musste, habe ich mit zwei Freundinnen Termine in drei verschiedenen Firmen ausgemacht, um uns beraten zu lassen. Bei den ersten beiden Firmen wurde uns zu Wirtschaftsinformatik und zu Controlling geraten. Bei der dritten Firma wurde uns empfohlen, das Thema Steuern zu vertiefen und im Anschluss daran die Prüfung zur Steuerberaterin zu machen, weil dies ein idealer Beruf sei, um später Familie und Beruf vereinbaren zu können.

DATEV magazin: Und damit war Ihr Weg sozusagen besiegelt?

MUHTEREM ARAS: Im Gespräch haben wir zuerst gesagt, dass wir das auf gar keinen Fall machen werden. Das Thema Steuern erschien mir sehr abstrakt, und mein Professor war eine Koryphäe auf dem Gebiet, weswegen viele von uns Mühe hatten, ihm zu folgen. Nach längerem Überlegen musste ich jedoch gestehen, dass der Beruf der Steuerberaterin tatsächlich ideal wäre, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Darum entschied ich mich, diesen Weg einzuschlagen. Ich habe die notwendigen drei Jahre Berufserfahrung gesammelt, meine Tochter bekommen und schließ­lich im zweiten Anlauf die Prüfung zur Steuerberaterin bestanden. Um unabhängig zu sein, entschloss ich mich, eine eigene Kanzlei zu gründen. Zu dem Zeitpunkt war ich schon mit meinem zweiten Kind schwanger, weswegen alles schnell über die Bühne gehen musste. Ein freies Zimmer in der Kanzlei funktionierte ich als Kinderzimmer um, sodass ich mit Unterstützung meines Manns und meiner Mutter weiterhin arbeiten konnte. Und heute habe ich eine Kanzlei mit zwölf Angestellten.

DATEV magazin: Was schätzen Sie am Beruf der Steuerberaterin neben der Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

MUHTEREM ARAS: Ich finde es toll, dass man immer weiter lernen muss, um am Ball zu bleiben. Deswegen wird der Beruf auch nie langweilig. Ich weiß es vor allem auch zu schätzen, dass ich meine Zeit frei einteilen kann, auch wenn es vom Arbeitspensum her deutlich mehr ist als im Angestelltenverhältnis. Ohne die Selbstständigkeit wäre mein Engagement in der Politik kaum möglich gewesen.

DATEV magazin: Sie sind nach den Anschlägen auf Asylbewerberheime Anfang der 90er-Jahre dem Bündnis 90/Die Grünen beigetreten. Wie ging es mit Ihrem politischen Engagement weiter?

MUHTEREM ARAS: Bei den Grünen hat der Umgang mit Minderheiten und Menschenrechten am besten zu meinen eigenen Vorstellungen gepasst. Ich war erst als Mitglied in diversen Partei­gre­mien aktiv. 1999 habe ich erfolgreich für den Gemeinderat kandidiert und war dann zwölf Jahre Stadträtin, davon vier Jahre als Fraktionsvorsitzende. Direkt an der Basis zu arbeiten, das war sehr interessant. Nach zwölf Jahren wurde es für mich aber langsam Zeit für eine Veränderung. Ich habe erst überlegt, ob ich die Prüfung zur Wirtschaftsprüferin in Angriff nehmen sollte. Dafür hätte ich wieder viel Zeit ins Lernen investieren müssen. Mir war es aber auch sehr wichtig, Zeit für meine Familie und meine schulpflichtigen Kinder zu haben. Deshalb habe ich mich für eine politische Veränderung entschieden: 2011 habe ich mit 42,5 Prozent das Direkt­mandat in meinem Wahlkreis errungen. Ich war Mitglied in den Ausschüssen für Kultur, Jugend und Sport sowie für Finanzen und Wirtschaft und zudem finanzpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion. Im März 2016 konnte ich mein Direktmandat mit 42,4 Prozent verteidigen und habe damit sogar das beste Ergebnis aller Abgeordneten erzielt. Im Mai 2016 wurde ich zur Landtagspräsidentin gewählt und darf damit das zweithöchste Staatsamt in Baden-Württemberg ausüben.

DATEV magazin: Familie, Beruf und Politik – wie bringen Sie das unter einen Hut?

MUHTEREM ARAS: Politik ist ein Job auf Zeit: Darum ist es mir sehr wichtig, mit der Kanzlei ein zweites Standbein zu haben. Ich hatte schon immer qualifiziertes Personal und Steuer­be­ra­ter­kollegen, die mich unterstützen und entlasten. Ein Mitarbeiter will dieses Jahr die Steuer­be­ra­ter­prüfung machen, sodass er nach hoffentlich bestandener Prüfung weitere Aufgaben zu meiner Entlastung übernehmen kann. Er bereitet sich übrigens mit DATEV vor und hat mir erzählt, dass er nichts anderes benötigt, weil das Angebot so gut ist. Auch wenn ich kurz nach der Gründung gedacht habe, dass die Programme von DATEV sehr kostenintensiv sind, merkte ich schnell, dass Qualität eben ihren Preis hat. Meinen Mitarbeitern und mir wird dadurch sehr viel Arbeit abgenommen – ein Grund, weswegen ich mich auch so viel politisch engagieren kann.

DATEV magazin: Welche Ziele haben Sie für Ihre Amtszeit als Landtagspräsidentin – also die nächsten fünf Jahre?

MUHTEREM ARAS: Ich bin sehr dankbar, mit meinem Hintergrund dieses zweithöchste Staatsamt führen zu dürfen: Ich bin als Tochter von Gastarbeitern nach Deutschland gekommen und bin zur Landtagspräsidentin gewählt worden und habe eine eigene Steuerkanzlei – das zeigt, wie welt­offen und tolerant diese Gesellschaft ist und dass man hier alles erreichen kann.
Ich würde mich freuen, wenn zukünftig noch mehr Freiberufler in den Parlamenten vertreten sind, denn diese haben eine ganz andere Perspektive. Damit würde auch das Fachwissen der frei­be­ruf­lich Tätigen besser zur Geltung kommen.
Aber jetzt freue ich mich erst mal auf die Aufgaben, die in den nächsten fünf Jahren auf mich zukommen. Ich möchte diese Zeit nutzen, um eine Debatte über unsere Grundwerte anzustoßen. Wir leben in einem so wunderbaren Land, aber laufen manchmal Gefahr, zu vergessen, dass unsere hohen und wertvollen Grundwerte kein Automatismus sind.
Darum werde ich meinen Schwerpunkt auf das legen, was uns zusammenhält, und nicht auf das, was uns spaltet.

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