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Neue Perspektiven

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Der Berufsstand der Wirt­schafts­prüfer durch­lebt be­wegte Zeiten: Das Tä­tig­keits­feld ver­schiebt sich zu­sehends zu an­de­ren Dienst­leis­tun­gen und Schwer­punk­ten. Auf diese Ent­wick­lun­gen muss man sich ein­stel­len und die stra­te­gische Aus­rich­tung über­den­ken oder sogar neu fo­kus­sieren.

Digitalisierung, Globalisierung und Regulierung sind nur wenige Stichworte für den Wandel, den der Berufsstand der Wirtschaftsprüfer durchlebt. Dabei ist eines gewiss: Wer sich diesen Entwicklungen nicht stellt und seine strategische Ausrichtung nicht überdenkt, läuft Gefahr, auf der Strecke zu bleiben. Alle Wirtschaftsprüferpraxen müssen jetzt handeln. Mit der Studie „Perspektiven des Berufsstands der Wirtschaftsprüfer 2025“ und den zahlreichen schon bisher geführten Diskussionen wurde ein erster Schritt getan.
Eine präzise Prognose der Zukunft ist nicht möglich: Wer hätte vor gut zehn Jahren schon sagen können, dass ein Start-up namens Facebook die heutige Kommunikation auf den Kopf stellen würde? Oft werden technische Neuerungen aber auch überschätzt: Im Jahr 1955 wurden etwa atombetriebene Staubsauger von Vertretern dieser Zunft für wahrscheinlich gehalten. Bill Gates prophezeite, dass Spam im Jahr 2006 der Vergangenheit angehöre. Gleichwohl können wir Entwicklungen beobachten, die sich wahrscheinlich fortsetzen werden. Für den Berufsstand der Wirtschaftsprüfer ergeben sich aus heutiger Perspektive vor allem folgende Herausforderungen.

Quantitative Bedeutung sinkt

Die (quantitative) Bedeutung der Abschlussprüfung im Leistungsportfolio wird – betrachtet über alle Wirtschaftsprüfungspraxen – weiter sinken. Schon heute macht der Anteil der Ab­schluss­prü­fung (einschließlich prüfungsnaher Dienstleistungen) häufig weniger als die Hälfte des Ge­samt­um­satzes aus. Wachstum findet – bei konstantem Abschlussprüfungsvolumen – vor allem außerhalb der Abschlussprüfung statt. Durch den oft preisgetriebenen Ver­drän­gungs­wett­be­werb innerhalb des Berufsstands könnte letztlich das Marktvolumen für Abschlussprüfungsleistungen sogar absolut schrumpfen. Als Reaktion werden Kostenstrukturen weiter optimiert, etwa durch den noch intensiveren Einsatz von Technik, durch arbeitsteilige Strukturen oder eine stärkere Automatisierung der Prüfungshandlungen. Diese Maßnahmen können – richtig eingesetzt – zugleich die Qualität der Abschlussprüfung steigern. Die zu­neh­men­de Bedeutung von Ska­len­ef­fek­ten wird die Wettbewerbsposition vor allem kleinerer Wirt­schafts­prü­fungs­ge­sell­schaften auf dem Markt für (gesetzliche) Abschlussprüfungen verstärkt belasten, wenn es ihnen nicht gelingt, eine Mandatsbeziehung über andere Leistungsmerkmale herzustellen beziehungsweise zu erhalten.

Strategischer Markenkern

Die Befähigung zur Abschlussprüfung bleibt strategischer Markenkern: In kaum einem anderen Beruf wird ein so hohes Ausbildungsniveau verlangt wie bei Wirtschaftsprüfern. Damit signalisiert der Prüfer Kompetenz und ein überdurchschnittliches Leistungsvermögen. Die so gewonnene Reputation beschränkt sich dabei nicht auf die Abschlussprüfung, sondern strahlt aus auf andere Dienstleistungen außerhalb des Vorbehaltsbereichs. So differenziert sich der Wirtschaftsprüfer gegenüber anderen Berufsgruppen. Folglich ist auch nicht mehr die Tätigkeit als Abschlussprüfer herauszustellen, sondern vielmehr die hohe Qualifikation von Wirtschaftsprüfern be­zie­hungs­weise Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Das Markenzeichen Wirtschaftsprüfer oder Wirt­schafts­prü­fungs­ge­sell­schaft muss in der Außenwirkung als Signal für eine hohe Qualität und Be­last­bar­keit der Leistungen wahrgenommen werden, die dazu beiträgt, das Vertrauen zwischen den Marktteilnehmern zu stärken.

Innovationstreiber

Globalisierung, Digitalisierung und Informationszeitalter werden beziehungsweise sind die entscheidenden Innovationstreiber auch bei den Mandanten und ändern zugleich die Er­war­tun­gen an den Berufsstand. Wirtschaftsprüfer müssen diese Entwicklungen auf Augenhöhe begleiten können. Dementsprechend müssen sie ihre Fähigkeiten, Kenntnisse und Strukturen an die neuen Herausforderungen anpassen. Gleichzeitig ergeben sich für sie neue Betätigungsfelder. Somit ändert sich nicht nur die Erbringung bisheriger Dienstleistungen, sondern es werden neue Dienstleistungen von den Mandanten nachgefragt und vom Berufsstand angeboten.

Imagepflege

In einer vernetzten Welt wird die Zurückhaltung und Bescheidenheit des Berufsstands nicht mehr geschätzt.

Reputationsabhängigkeit des Prüfungsgeschäfts, gestiegene öffentliche Sensibilität, Gesetze der Mediengesellschaft und Konkurrenz um Nachwuchs verlangen eine bessere Imagepflege. In einer ver­netzten Welt wird die bis­he­rige Zu­rück­hal­tung und Be­schei­den­heit des Be­rufs­stands nicht mehr ge­schätzt: Wer in den (alten und neuen) Medien nicht prä­sent ist, wird auch nicht wahr­ge­nom­men. Um zu ver­hin­dern, dass über statt mit dem Be­rufs­stand ge­re­det wird und dass sich der po­ten­zielle Be­rufs­nach­wuchs für andere Wege entscheidet, müssen sich die Wirtschaftsprüfer einer neuen Art und Intensität der Außen­kom­mu­ni­ka­tion öffnen.

Management

Neben den etablierten Fähigkeiten des Wirtschaftsprüfers ist eine Managementfunktion und -fähigkeit zunehmend gefragt. Um die sich ausweitende Komplexität und den verschärften Kostendruck zu beherrschen, wird auch der Berufsstand erwägen, Leistungen outzusourcen, Shared Service Center einzurichten, Arbeiten zu automatisieren, Nichtakademiker einzustellen oder Kooperationen einzugehen beziehungsweise Netzwerken beizutreten. Der unterzeichnende Wirtschaftsprüfer ist mehr denn je Architekt des Prüfungsprozesses, dessen Aufgabe darin besteht, die einzelnen Fremdleistungen beziehungsweise dezentralen Leistungen zu managen.

EU-Regulierung

Die EU-Regulierung und deren nationale Umsetzung wird vielfältige, heute erst rudimentär abschätzbare Folgen für den Wirtschaftsprüfermarkt haben. Viele Detailfragen zur Auslegung dieser Regelung sind noch offen. Wesentliche Regelungen (insbesondere externe Rotation und Verbot bestimmter Nichtprüfungsleistungen) beziehen sich zunächst nur auf Unternehmen von öffentlichem Interesse. Allerdings ist aus heutiger Sicht schwer abschätzbar, ob und wieweit die zuständigen Organe der Unternehmen, die den neuen Regelungen rechtlich nicht unterworfen sind, sich gleichwohl daran orientieren werden. Insgesamt ist zu erwarten, dass es im Prüfungs- und im Beratungsmarkt zu deutlichen Umwälzungen kommen wird, die die Struktur des Berufsstands sowohl bei den Prüfern von Unternehmen im öffentlichen Interesse als auch bei den Prüfern anderer Unternehmen verändern können. Das Institut für Wirtschaftsprüfer e.V. (IDW) sieht eine eine rechtliche oder faktische Ausweitung der Sonderregelungen auf die Prüfung von Unternehmen, die nicht im öffentlichen Interesse stehen, als nicht sachgerecht an. Wir werden uns weiter gegen eine solche Ausweitung einsetzen.

Studie als Baukasten

Bei den zuvor genannten Thesen handelt es sich um Einschätzungen, die aus zahlreichen Beobachtungen und Gesprächen gewonnen wurden. Bei der Überarbeitung der eigenen Strategie muss jede Wirtschaftsprüfungspraxis selbst die für sie spezifischen künftigen Entwicklungen analysieren. Hierbei kann es zweckmäßig sein, sich parallel auf alternative Entwicklungen einzustellen. Zu beachten ist, dass es keine allgemeingültige Strategie gibt: Je nach persönlichen Kenntnissen, Infrastruktur oder bisheriger Mandantenstruktur kann eine Nischenstrategie oder eine Allrounder-Strategie sinnvoll sein.
Um seine Mitglieder bei der Strategiefindung zu unterstützen, hat das IDW – gewissermaßen als Startschuss und Denkanstoß – eine wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben, in der zunächst alternative Zukunftszustände (Szenarien) entwickelt werden und für diese Szenarien in Abhängigkeit von der Segmentzugehörigkeit (klein/mittel/groß) strategische Stoßrichtungen vorgeschlagen werden. Die zwischenzeitlich mit den Mitgliedern intensiv diskutierte Studie dient als Baukasten, aus dem sich der einzelne Wirtschaftsprüfer bei seiner eigenen Strategiefindung bedienen kann. Der Titel der Studie darf nicht trügen: Zwar wird dort das Jahr 2025 genannt – tatsächlich ist es aber aufgrund der Vorlaufzeiten für jeden einzelnen Wirtschaftsprüfer schon heute dringend, die strategischen Überlegungen aufzunehmen. Nur so kann es der einzelnen Wirtschaftsprüferpraxis gelingen, die künftigen Herausforderungen in Chancen zu wandeln und in eine positive Zukunft zu blicken.

Fazit

Das IDW hat darüber hinaus zahlreiche weitere Maßnahmen initiiert, mit denen den künftigen Herausforderungen begegnet werden soll. Beispielhaft seien die Imagekampagne, die Mittel­stands­ini­tia­tive oder die Erschließung neuer Betätigungsfelder durch Verlautbarungen (etwa IDW PS 980 zu Compliance-Management-Systemen) genannt. Klar ist auch: Wir stehen erst am Anfang eines noch lang andauernden Prozesses.

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