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Der Thriller zu Big Data

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Der Bestsellerautor und Stra­te­gie­be­ra­ter Marc Elsberg beschäftigt sich mit den Themen Big Data und Daten­schutz. Obwohl es sich bei seinem Roman Zero um einen Thriller handelt und die Handlung fiktiv ist, ist die Basis, auf der sie aufsetzt, Realität.

DATEV magazin: Zukunftsthriller haben derzeit Konjunktur. Ihr ­Roman Zero beschreibt eine Realität in nicht allzu ferner Zukunft. Es ist die Welt von Big Data. Wie würden Sie den Plot beschreiben?

MARC ELSBERG: In Zero merkt eine Journalistin, etwa 45 Jahre alt, dass sie die technologischen Entwicklungen der letzten zehn, zwanzig Jahre verschlafen hat. Sie ist entsetzt, welchen Einfluss das auf uns und unsere Gesellschaft hat. Das ist ein häufiges Phänomen in dieser Generation. Deswegen ist Zero gar nicht so sehr Dystopie. Gegen Ende der Geschichte lernt die Protagonistin, diese Technologien in ihrem Sinn einzusetzen. Darum geht es mir auch in meinen Geschichten, aufzuzeigen, dass wir im Wesentlichen über Technologien reden, die man so oder so einsetzen kann. An uns liegt es, was wir daraus machen.

DATEV magazin: Wie sehr lassen Sie sich beim Schreiben von aktuellen Ereignissen und vom Zeitgeschehen beeinflussen?

MARC ELSBERG: Es ist eher umgekehrt. Die ­Aktualität holt mich manchmal ein, wie beispielsweise mit Edward Snowden. Ich habe in Zero geplant, dass es eine Aktivistengruppe gibt, ähnlich wie Anonymus oder andere Aufdecker, die gejagt werden. Bei meinem vorherigen Roman, Blackout, hatte ich vorgesehen, dass ein Atomkraftwerk in die Luft flog. Und dann kam Fukushima.

DATEV magazin: Worauf kommt es Ihnen beim Schreiben mehr an: Auf Aufklärung, zum Beispiel um auf die Bedrohung der Privatsphäre durch Cyber-Kriminalität hinweisen, oder wollen Sie unterhalten und spannende ­Geschichten erzählen?

MARC ELSBERG: Zuallererst geht es um die Unterhaltung. Wenn damit dann der eine oder andere einen Denkanstoß bekommt, freut mich das natürlich. Ich glaube nämlich, Denkanstöße kommen dann am besten bei den Leuten an, wenn sie auch unterhalten. Gerade Zero ist ein schönes Beispiel dafür: Die Diskussion über Datenschutz, Überwachung und so weiter wird in kleinen Zirkeln seit Jahren geführt, aber sie ist nie in die Breite gekommen. Verblüffenderweise auch durch Edward ­Snowden nicht. Mit einem Roman aber erreiche ich Hunderttausende Leser.

DATEV magazin: Wie sehen Sie das Thema Datenschutz und Datenklau? Denken Sie, es ist problematisch, dass wir immer mehr zu ­gläsernen Menschen werden?

MARC ELSBERG: Ja, definitiv. Jeder braucht eine Privatsphäre. Auch die Gesellschaft. Denn nur in diesem geschützten Raum können sich Identität und Individualität entwickeln. Es gibt einige gute Studien, die ­wissenschaftlich belegen, dass Überwachung schadet. Am Arbeitsplatz zum Beispiel: Leute, die wissen, dass sie überwacht werden, haben signifikant häufiger Kopfschmerzen, Nackenschmerzen und Depressionen. Das Stichwort Konformitätsdruck ist ganz wichtig. Wenn die Person weiß, dass sie überwacht wird, verhält sie sich konform. Für die Gesellschaft ist das schlecht, weil Konformität irgendwann zur Erstarrung führt und zu ­keinen weiteren Innovationen.

Apps übernehmen immer mehr unser Leben und Handeln. Woher weiß ich, dass sie in meinem Sinn handeln?

DATEV magazin: Sind Sie selbst viel im Internet unterwegs? Wie ­gehen Sie mit digitalen Angeboten und Medien um?

MARC ELSBERG: Ich bin komplett ver­netzt. Es ist auch völlig sinn­los zu ver­suchen, sich dem zu ent­ziehen, wenn man am mo­der­nen Leben teil­nehmen will. Ich tue es aber zum Teil als sym­bo­lischen Akt. Das ist mir völlig bewusst. Ich könnte meine E-Mails ver­schlüs­seln, tue das aber nur bei zwei Leuten, die das auch können. Den meisten Menschen ist die Technik noch zu kompliziert, obwohl es mittlerweile recht einfach geworden ist. Allerdings verwende ich keine Rabattkarten vom Supermarkt. Aber ich habe die ganze Zeit ein Handy bei mir. Das weiß mehr über mich als meine Frau. Da gibt es keinen Ausweg. Ich nenne das den Mineralwassereffekt: Stellen Sie sich vor, alle Menschen sind so durchsichtig wie Wassertropfen in einer Mineralwasserflasche. Ein paar beschließen, nicht mehr mitzumachen, und werden Luftbläschen. Wen ­sehen Sie besser – die Millionen Wassertropfen oder die paar Hundert aufsteigenden Luftblasen? Was ich sagen will: Auch der Verweigerer ist in diesem System sichtbar, berechenbar und profilierbar.

DATEV magazin: Hat sich Ihr Online-Verhalten nach den Recherchen und dem Schreiben von Zero geändert?

MARC ELSBERG: Eigentlich kaum. Ich versuche aber, auf die Themen aufmerksam zu machen und einen Dialog zu Chancen und Risiken anzustoßen. Ich möchte die Menschen dazu bringen, darüber nachzudenken, wie man das System so gestalten kann, dass möglichst viele die Vorteile nutzen können, während die Nachteile gering bleiben.

DATEV magazin: Glauben Sie, dass man die ­digitale Welt mit Gesetzen kontrollieren, überwachen, regulieren kann?

MARC ELSBERG: Natürlich, die digitale Welt ist ja nicht der Mars. Sie ist ein Teil unserer Welt, und viele bestehende Gesetze könnten darauf angewendet werden. Aber wir brauchen auch neue Gesetze. Denn ­einige der bestehenden sind nicht an neue Technologien anpassbar. ­Außerdem werden wir ganz neue Strukturen erleben. Wir werden uns wichtige Fragen stellen müssen über Verantwortung in der Gesellschaft. Ein Beispiel: Bisher war ich bei einem Autounfall selbst verantwortlich, wenn ich am Steuer saß. Aber wer ist schuld, wenn das Auto künftig automatisch fährt und irgendwo aneckt? Der Programmierer? Sein Auftraggeber? Der Gesetzgeber, also letztlich wir alle? Dafür brauchen wir einen neuen gesetzlichen Rahmen.

DATEV magazin: Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass uns Apps ­immer mehr das Handeln abnehmen. Verkümmern nicht die grauen Zellen, wenn es für alles eine App gibt?

MARC ELSBERG: Die Diskussion hat schon Platon mit seinen Schülern geführt, die erstmals Schrift eingesetzt haben. Heute kann kaum noch jemand eine zehnstrophige Ode auswendig lernen. Nein, im Ernst: ­Dieser Technologieschub hat uns ordentlich nach vorne gebracht. Ich glaube nicht, dass die Zukunft furchtbar wird, prophezeie aber auch nicht das Paradies. Am Ende liegt es, wie Marshall McLuhan sagt, ­an uns: Erst formen wir unsere Werkzeuge, dann formen unsere Werk­zeuge uns. Also ist es an uns zu überlegen, wie wir die Werkzeuge formen.

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